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VORGESTELLT

Giulia Menegon – «Entscheidend ist die Verbindung von Innovation mit einem menschenzentrierten Arbeitsmarkt.»

Arbeitsrecht

Giulia Menegon führt vorwiegend nationale und internationale Prozesse vor staatlichen Gerichten und vor Schiedsgerichten. Als Fachanwältin SAV Arbeitsrecht berät sie Klienten in allen Aspekten des Arbeitsrechts.

Wo liegen im Moment Ihre Berührungspunkte mit dem Arbeitsrecht?

Das Arbeitsrecht ist seit vielen Jahren mein beruflicher Schwerpunkt. Als Fachanwältin SAV Arbeitsrecht berate und vertrete ich täglich sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmende in sämtlichen arbeitsrechtlichen Fragestellungen – von der Gestaltung von Arbeitsverträgen und Vergütungsmodellen über Restrukturierungen und Kündigungen bis hin zu Gerichtsverfahren. Dank meiner italienischen Muttersprache begleite ich zudem regelmässig Mandate mit Bezug zum Tessin sowie italienischsprachige Klienten in der Deutschschweiz und vertrete diese auch vor tessinischen Gerichten.

Wann sind Sie das erste Mal mit dem Arbeitsrecht in Kontakt gekommen?

Meine erste Begegnung mit dem Arbeitsrecht fand im Tessin statt – und sie hat mich sofort fasziniert. Es handelte sich um einen Fall, in dem ich einen Arbeitgeber bei einer komplexen Kündigung im Rahmen einer Unternehmensrestrukturierung beraten durfte. Dabei wurde mir bewusst, dass das Arbeitsrecht weit über die reine Rechtsanwendung hinausgeht: Jeder Fall verlangt neben juristischem Fachwissen auch Einfühlungsvermögen und ein gutes Gespür für die wirtschaftlichen Zusammenhänge und das Geschäft des Arbeitgebers. Das Arbeitsrecht spiegelt kulturelle und soziale Veränderungen vielleicht stärker wider als jeder andere Rechtsbereich und hat unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Diese Erfahrung hat den Grundstein für meine heutige Spezialisierung gelegt.

Was sind Ihre alltäglichen Herausforderungen?

Die grösste Herausforderung besteht darin, rechtlich tragfähige Lösungen zu finden, die sowohl den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Unternehmen als auch den berechtigten Interessen der Mitarbeitenden gerecht werden. Zudem entwickelt sich die Arbeitswelt stetig weiter – moderne Arbeitsformen, Digitalisierung, Homeoffice und der Einsatz von künstlicher Intelligenz werfen laufend neue Fragen auf, für die es nicht immer bereits gefestigte Rechtsprechung gibt.

Gibt es eine berichtenswerte Episode aus Ihrer Tätigkeit im Bereich Arbeitsrecht? Was macht diese so besonders?

Ein grenzüberschreitender Betriebsübergang bleibt mir bis heute besonders in Erinnerung. Dabei galt es, unterschiedliche Rechtsordnungen, betriebliche Interessen und die Anliegen der betroffenen Mitarbeitenden miteinander in Einklang zu bringen. Dieser Fall hat mir eindrücklich gezeigt, wie international und vielschichtig dieses Rechtsgebiet ist – und zugleich, wie praxisnah und menschlich es sein kann.

Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Stärken und Schwächen im Schweizer Arbeitsrecht/Arbeitsmarkt?

Eine grosse Stärke des Schweizer Arbeitsrechts ist seine Flexibilität. Sie ermöglicht Unternehmen, rasch auf wirtschaftliche Veränderungen zu reagieren, und trägt wesentlich zur Wettbewerbsfähigkeit des Arbeitsmarktes bei.

Andererseits wird diese Flexibilität gelegentlich auch als Schwäche wahrgenommen, insbesondere von den Arbeitnehmenden im internationalen Vergleich. Entscheidend ist, das richtige Gleichgewicht zwischen Flexibilität und sozialem Schutz zu bewahren.

Welcher wäre Ihr wichtigster Tipp an Arbeitnehmer, welcher an Arbeitgeber?

Arbeitnehmenden würde ich raten, Vereinbarungen frühzeitig schriftlich festzuhalten und bei Unsicherheiten rechtzeitig Rat einzuholen.

Arbeitgebern empfehle ich, auch in schwierigen Situationen transparent und wertschätzend zu kommunizieren und arbeitsrechtliche Fragen nicht erst dann anzugehen, wenn bereits ein Konflikt entstanden ist. Klare Verträge, nachvollziehbare Prozesse, geschulte Führungskräfte und eine offene Kommunikation sind die beste Prävention. Gerade in mehrsprachigen oder international geprägten Teams ist es wichtig, dass Regeln und Erwartungen für alle verständlich und praktisch umsetzbar sind.

Wie hat sich das Arbeitsrecht / der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren Ihrer Meinung nach verändert?

Die Arbeitswelt ist deutlich internationaler und flexibler geworden. Homeoffice, hybride Arbeitsmodelle und digitale Zusammenarbeit haben sich etabliert. Parallel dazu beobachten wir einen stärkeren Fokus auf Themen wie mentale Gesundheit, Diversity, Work-Life-Balance und Mitarbeiterbindung. Diese Entwicklungen spiegeln sich zunehmend auch in arbeitsrechtlichen Fragestellungen wider.

Welches ist Ihrer Meinung nach die grösste Herausforderung im Schweizer Arbeitsrecht/Arbeitsmarkt in den kommenden 10 Jahren?

Eine der grössten Herausforderungen wird der Umgang mit künstlicher Intelligenz und Automatisierung sein. KI wird zahlreiche Arbeitsprozesse verändern und neue Fragen aufwerfen – etwa hinsichtlich Datenschutz, Haftung, Diskriminierung durch algorithmische Entscheidungen oder der Qualifikation von Mitarbeitenden für neue Tätigkeiten. Die zentrale Aufgabe wird darin bestehen, Innovation und technologische Entwicklung zu fördern und gleichzeitig einen menschenzentrierten Arbeitsmarkt zu erhalten.

Marco Kamber | legalis brief ArbR 18.09.2026