Franziska Mulle – «Ich würde das ewige Replikrecht abschaffen.»
Familienrecht

Franziska Mulle studierte an den Universitäten Zürich und Deusto (Bilbao, Spanien) und arbeitet seit 2017 als Rechtsanwältin im Kanton Zürich mit Schwerpunkt Familienrecht. Seit 2022 und Gründung ihrer eigenen Kanzlei mulle legal GmbH ist sie selbständig erwerbstätig. Franziska Mulle ist Mediatorin SAV, clp-lawyer Schweiz und seit 2025 Fachanwältin SAV Familienrecht. Neben ihrer Anwaltstätigkeit ist sie Vorstandsmitglied des Zürcher Anwaltsverbands.
Welche Verbindung haben Sie zum Familienrecht?
Ich kann mich noch gut an die erste Vorlesung an der Uni erinnern. Es war Familienrecht I bei Prof. Büchler. Die Aussage, es sei für mich schon damals klar gewesen, dass ich mich später einmal beruflich dem Familienrecht verschreiben werde, wäre jedoch eine glatte Lüge. Im Laufe meiner Ausbildung habe ich jedoch gemerkt, dass mich vor allem der Mensch interessiert, und ich mir nicht vorstellen konnte, ohne grosse menschliche Interaktionen zu arbeiten. Mich fasziniert, dass im Familienrecht der Mensch im Fokus steht, seine Geschichte, seine Probleme. Gerade auch bei der systemischen Arbeit erfüllt es mich, am Schluss das Gefühl zu haben, für ein Familienkonstrukt sinnvolle Arbeit geleistet zu haben.
Was sind Ihre alltäglichen Herausforderungen?
In familienrechtlichen Verfahren befindet sich die Klientschaft oft in einer persönlichen Ausnahmesituation. Wut, Trauer, Angst, Enttäuschung prägen Gespräche, Entscheidungen und Strategiewünsche. Die Herausforderung besteht darin, empathisch zu begleiten, ohne die professionelle Distanz und – teilweise – den Blick fürs Wesentliche zu verlieren.
Weiter ist es herausfordernd, den Wunsch nach «Gerechtigkeit» einzuordnen, realistische Erwartungen zu vermitteln und den Fokus auf das rechtlich Erreichbare zu richten.
Hinzu kommen auch der Zeitdruck und die Dringlichkeit. Oft müssen innert Stunden Eingaben vorbereitet bzw. eingereicht werden
Gibt es Anekdoten aus Ihrer Tätigkeit?
Da gibt es tatsächlich einige. In Erinnerung bleiben vor allem die etwas skurrilen und grotesken Gespräche. Einmal haben wir am Gericht 2.5 Stunden über Kisten mit Duplosteinen diskutiert, die noch im Estrich gelagert gewesen sein sollten und die Gegenpartei unbedingt erhältlich machen wollte. Geeinigt hat man sich nicht. Ich gehe davon aus, die Kisten sind heute noch an Ort und Stelle.
Welches wäre Ihr wichtigster Tipp in familienrechtlichen Verfahren?
Die Gerichtsverfahren haben in den letzten Jahren ein Ausmass angenommen. Die Klientschaft soll sich jeweils gut überlegen, ob sie für einen langen Prozess wirklich die notwendigen Ressourcen haben, und zwar nicht nur finanziell, sondern auch emotional und energetisch. Viele Menschen bevorzugen eine nachhaltige Lösung, die sie mitverantworten und zu welcher sie «ja» sagen können. Entsprechend finde ich es enorm wichtig, am Anfang eines Mandats sauber abzuklären, was die Klientschaft braucht, um zu einem akzeptablen Resultat zu kommen. Und ansonsten: einen kühlen Kopf bewahren, ein realistisches Case-Management vor Augen haben und sicherstellen, dass die eigene Mandatsstruktur nicht nur aus hochstrittigen Fällen besteht.
Welches sind Ihrer Meinung nach die grössten Stärken und Schwächen im Schweizer Familienrecht?
Die grösste Schwäche stellt sich für mich im Moment in der grossen Arbeitslast der Gerichte dar. Die Wartezeiten für einen Verhandlungstermin sind zu lange. Die Parteien müssen zu lange warten. Weiter erachte ich es als schwierig, dass weder Anwälte noch Gerichte interdisziplinär geschult werden, sodass Themen wie Gesprächsführung, Entwicklungspsychologie, etc. fremd sind.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, etwas am Familienrecht ändern zu können, was wäre das?
Ich hätte gerne Fachrichter bzw. eine Gerichtsbesetzung, die sowohl juristisch als auch psychologisch geschult ist. Ausserdem begrüsse ich den Ansatz, zuerst aussergerichtlich eine Streitbeilegung anzustreben, bevor es zur – teilweise wirklich unnötigen – Schlammschlacht vor Gericht kommt.
Und ganz grundsätzlich würde ich das ewige Replikrecht abschaffen. Die Verfahren werden dadurch endlos, weil jede Partei Angst hat, nicht das letzte Wort zu haben. Hier braucht es bisweilen Mut, einen Schlusspunkt zu setzen, damit endlich eine Entscheidung gefällt werden kann.
Welches ist Ihrer Meinung nach die grösste Herausforderung im Schweizer Familienrecht in den kommenden 10 Jahren?
Vielleicht nicht die grösste, aber eine grosse Herausforderung ist die zunehmende Möglichkeit, sich selbst zu informieren. Die Klienten kommen nicht mehr unwissend in die Besprechung, sondern haben sich mit KI bereits «bestens» informiert. Wir Anwältinnen müssen somit zuerst falsche Annahmen widerlegen und vor allem aus den Köpfen bringen.
Severin Boog | legalis brief FamR 03.08.2026