Gianluca Racchi-Stone – «Am meisten bleiben nicht die spektakulären Fälle, sondern die kleinen Momente.»
Familienrecht

Gianluca Racchi-Stone studierte an der Universität Basel und arbeitet seit 2023 als Berufsbeistand und Jurist beim Amt für Beistandschaften und Erwachsenenschutz in Basel. Während rund eineinhalb Jahren leitete er ad interim das juristische Mandatscenter. Er absolvierte das CAS Mandatsführung im Kindes- und Erwachsenenschutz und studiert seit 2024 im Masterstudiengang Soziale Arbeit.
Welche Verbindung haben Sie zum Familienrecht?
Ehrlich gesagt bin ich eher zufällig dort gelandet. Nach dem Studium wusste ich nicht wirklich, wohin die Reise gehen soll. Ich wusste nur, dass ich nicht rein juristisch arbeiten möchte. Im Familienrecht habe ich dann etwas gefunden, das genau dazwischen liegt: juristische Präzision auf der einen Seite, echte Nähe zu Menschen und ihren Geschichten auf der anderen. Das Recht bleibt hier nie abstrakt. Es geht um Beziehungen – also im Grunde um das, was das menschliche Leben ausmacht.
Was sind Ihre alltäglichen Herausforderungen?
Am schwierigsten finde ich es, die Lebenssituation eines Menschen wirklich zu erfassen. Ich sehe ja immer nur einen Ausschnitt. Dabei sind die Leben, mit denen ich zu tun habe, unglaublich vielschichtig. Dazu kommen Beziehungen, die manchmal seit Jahren von Konflikten, Verletzungen, Emotionen geprägt sind.
Gibt es Anekdoten aus Ihrer Tätigkeit?
Es ist schon ein Privileg, so einen tiefen Einblick ins Leben von Menschen zu bekommen. Da sammeln sich täglich neue Geschichten an. Am meisten bleiben mir aber nicht die grossen, spektakulären Fälle, sondern die kleinen Momente. Veränderungen, die von aussen kaum auffallen, für die betroffene Person aber enorm viel bedeuten.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, etwas am Familienrecht ändern zu können, was wäre das?
Bezogen auf das Erwachsenenschutzrecht wünsche ich mir, dass wir konsequenter von der betroffenen Person aus denken. Wenn Fachpersonen oder Angehörige eine sehr klare Meinung haben, was «richtig» ist, gerät die Sicht der eigentlich betroffenen Person schnell in den Hintergrund. Und eine Lösung, die juristisch und sozialarbeiterisch sauber ist, muss deshalb noch lange keine gute Lösung sein. Für mich zählt am Ende: Funktioniert sie im Alltag der Menschen?
Welches wäre Ihr wichtigster Tipp in familienrechtlichen Verfahren?
Solche Verfahren sind verständlicherweise fast immer emotional aufgeladen. Aber genau dabei geht der Blick fürs Ganze schnell verloren. Gerade im Familienrecht bleiben Menschen einander oft auch nach dem Verfahren verbunden. Es sollte also nicht darum gehen, jeden einzelnen Kampf zu gewinnen. Man kann rechtlich gewinnen und menschlich trotzdem viel verlieren. Wichtiger ist es, eine langfristig tragbare Lösung zu finden und nicht einen kurzfristigen juristischen Erfolg.
Wie hat sich das Familienrecht in den vergangenen Jahren Ihrer Meinung nach verändert?
Die Lebenssituationen der Menschen sind vielfältiger und komplexer geworden, und das spiegelt sich in den Fällen wider. Rechtliche Fragen lassen sich kaum noch losgelöst von sozialen, psychologischen oder wirtschaftlichen Aspekten betrachten.
Welches sind Ihrer Meinung nach die grössten Stärken und Schwächen im Schweizer Familienrecht?
Eine echte Stärke ist, dass das Schweizer Familienrecht Raum für Einzelfalllösungen lässt. Gerade weil Familien so unterschiedlich sind, ist diese Flexibilität viel wert. Gleichzeitig steckt genau darin auch die Schwierigkeit. Familienbeziehungen lassen sich nie vollständig in rechtliche Kategorien pressen. Recht kann einen Konflikt entscheiden, ohne ihn dabei zwingend zu lösen. Deshalb wünsche ich mir mehr Interdisziplinarität. Eine gute familienrechtliche Lösung ist für mich nicht nur juristisch korrekt, sondern berücksichtigt die soziale Realität der Betroffenen und funktioniert tatsächlich im Alltag.
Welches ist Ihrer Meinung nach die grösste Herausforderung im Schweizer Familienrecht in den kommenden 10 Jahren?
Der Umgang mit künstlicher Intelligenz und der zunehmenden Selbstinformation wird uns stark beschäftigen. Menschen können sich heute in kürzester Zeit vermeintlich fundiert informieren. Das stellt nicht nur das Familienrecht, sondern das ganze Rechtssystem vor neue Herausforderungen.
Nadine Grieder | legalis brief FamR 29.09.2026