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VORGESTELLT

Tamara De Caro – «Das Unterhaltsrecht ist und bleibt ein Flickwerk, das es kaum schafft mit den gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten.»

Familienrecht

Tamara De Caro ist Rechtsanwältin mit Kanzleien in Basel und Aarau. Nach ihrem Jurastudium an der Universität Basel und dem Anwaltspatent im Kanton Aargau sammelte sie über sechs Jahre Erfahrung in leitender Funktion bei der Migrationsbehörde des Kantons Aargau, bevor sie sich der Advokatur widmete. Ihre Schwerpunkte liegen im Straf- und Migrationsrecht sowie im Familienrecht.

Welche Verbindung haben Sie zum Familienrecht?

Ich habe mein Anwaltspraktikum in einer auf Familienrecht spezialisierten Kanzlei absolviert und hatte eine sehr gute Zeit. Obwohl ich mich inzwischen schwerpunktmässig im Migrations- und Strafrecht bewege, lässt mich das Familienrecht nicht los – was kaum überrascht: Die Familie als Kern unserer Gesellschaft bewegt die meisten von uns.

Was sind Ihre alltäglichen Herausforderungen?

Die Balance zu wahren: Als Anwältin gilt es die Interessen meiner Klientschaft konsequent zu verfolgen. Gleichzeitig bin ich auch ein Mensch, auch Mutter und sehe die komplexe Beziehungsarbeit: das grosse Ganze nicht aus den Augen zu verlieren und auch im Streit konstruktiv zu bleiben, insbesondere wenn Kinder im Spiel sind, ist mein tägliches Ziel.

Gibt es Anekdoten aus Ihrer Tätigkeit (im Bereich Familienrecht)?

Als Migrationsrechtlerin habe ich immer wieder miterlebt, wie Klientinnen und Klienten von mir im Ausland geheiratet haben. Mit einem Augenzwinkern warne ich dann jeweils vor einer Scheinehe – aber nur von den wenigsten musste ich bisher eine Scheidung machen ;)

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, etwas am Familienrecht ändern zu können, was wäre das?

Ich würde mir in den Verfahren mit Beteiligung von Kindern wünschen, dass frühzeitig und interdisziplinär Fachpersonen beigezogen werden. Aufgrund der Ressourcen dauert dies heute leider oft zu lange, was dem Kindswohl oft nicht zuträglich ist.

Welches wäre Ihr wichtigster Tipp in familienrechtlichen Verfahren?

Frühzeitig in die Verantwortung kommen: Viele Klientinnen und Klienten kommen einerseits viel zu spät, wenn der Konflikt schon eskaliert ist, und sind andererseits nicht genügend dokumentiert und informiert über die Verhältnisse in der Ehe. Auch wenn es während der Ehe unromantisch ist: beide Parteien müssen insbesondere über ihre finanzielle Situation im Klaren und darüber dokumentiert sein, sonst drohen Verluste und Streit bei einer allfälligen Scheidung.

Wie hat sich das Familienrecht in den vergangenen Jahren Ihrer Meinung nach verändert?

Zumindest auf dem Papier hat es sich, mit der Einführung der gemeinsamen elterlichen Sorge, dem Betreuungsunterhalt etc. modernisiert. In der Praxis zeigen sich aber immer noch grosse Unterschiede und Unsicherheiten in der Behandlung von neuen Formen des Zusammenlebens, das ist für die Betroffenen schwer nachvollziehbar und bei Konflikten nicht hilfreich.

Welches sind Ihrer Meinung nach die grössten Stärken und Schwächen im Schweizer Familienrecht?

Eine Stärke ist sicherlich unser solider Rechtsrahmen. Die kantonale Zersplitterung in der Rechtsanwendung ist aber problematisch. Ausserdem ist und bleibt das Unterhaltsrecht ein Flickwerk, das es kaum schafft mit den gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten.

Welches ist Ihrer Meinung nach die grösste Herausforderung im Schweizer Familienrecht in den kommenden 10 Jahren?

Das klassische Familienmodell wird vermehrt von alternativen Formen des Zusammenlebens abgelöst, z.B. auch durch die Reproduktionstechnologie. Das ist spannend, die Rechtsprechung kommt da aber kaum hinterher. Das wird uns noch lange beschäftigen. 

Juliane Wyss | legalis brief FamR 29.06.2026