Camillo Devecchi – «In unserer Kanzlei vergeht kaum ein Tag ohne KI-Training.»
Gesellschaftsrecht

Camillo Devecchi ist Rechtsanwalt und Counsel bei MLL Legal mit Spezialisierung auf Gesellschaftsrecht, M&A-Transaktionen, Joint Ventures und Corporate Governance. Zudem ist er Knowledge & Quality Management Officer der Kanzlei. In dieser Funktion ist er mitverantwortlich für den strategischen Einsatz von KI, die kanzleiweite Adoption neuer Technologien sowie die Optimierung von Arbeitsabläufen.
Wir führen dieses Interview schriftlich: Welches KI-Tool nutzt du für die Beantwortung der Fragen?
Harvey. Allerdings habe ich zuerst meine Gedanken und Kernaussagen stichwortartig von Hand zusammengestellt und Harvey anschliessend für die sprachliche Ausformulierung beigezogen. Der Mensch gibt die Richtung vor, die Technologie unterstützt bei der Umsetzung.
Du warst Referent an der Swiss Legal Tech Conference 2026: Welche These oder Entwicklung hat dort unter den Teilnehmenden für den grössten Diskussionsbedarf gesorgt?
Dass KI leistungsfähig ist und die anwaltliche Arbeit grundlegend verändert, wird heute kaum noch bestritten. Die grosse Frage für Kanzleien ist aktuell eine andere: Wie gelingt die Adoption? Wie schafft man eine Kultur und ein Umfeld, in dem KI tatsächlich effektiv eingesetzt wird? Über diese Herausforderungen wurde auch an der Swiss Legal Tech Conference intensiv diskutiert. Es geht längst nicht mehr nur um die Einführung neuer Tools, sondern auch darum, wie diese sinnvoll eingesetzt werden und wie sie Arbeitsabläufe sowie die Aufgaben von Partnern, Associates und Substituten verändern.
Welche juristische Tätigkeit wird sich durch KI in den nächsten fünf Jahren am stärksten verändern – und welche vermutlich kaum?
Am stärksten verändern werden sich alle dokumentenbezogenen «Grundlagenarbeiten»: von der Erstellung von Vertragsentwürfen über die Vorbereitung von Gerichtseingaben bis hin zur Erstanalyse umfangreicher Schriftsätze. Hier lassen sich schon heute erhebliche Effizienzgewinne erzielen. Am wenigsten verändern wird sich hingegen – eng damit zusammenhängend – der Schritt von einem guten ersten Entwurf hin zu wirklich überzeugender juristischer Arbeit oder vom ersten Eindruck zur fundierten Analyse mit fallspezifischer Einordnung. Dieser Schritt erfordert Erfahrung, Ermessen und nicht selten auch ein Stück Intuition – Qualitäten, die KI auf absehbare Zeit nicht ersetzen kann. Und ebenso wenig wird sich die Klientenbeziehung grundlegend wandeln: Das Vertrauen, das Klienten ihren Anwältinnen und Anwälten entgegenbringen, bleibt ein zutiefst menschlicher Grundpfeiler unserer Arbeit.
Gibt es einen Bereich, in dem KI heute bereits besser arbeitet als viele Anwältinnen und Anwälte?
Ich würde weniger in Bereichen denken als vielmehr in konkreten Arbeitsschritten. Und da gibt es bereits heute einige, in denen KI viele Juristinnen und Juristen übertrifft: beim schnellen Erst-Review umfangreicher Vertragsdokumentationen, bei der Aufbereitung erster Entwürfe, beim Sicherstellen formeller Konsistenz über grosse Dokumentensets hinweg, bei der systematischen Extraktion von Daten, beim schnellen Zusammenfassen von Verträgen oder bei der Identifikation von Abweichungen gegenüber Standards oder internen Vorlagen. Entscheidend ist, KI gezielt bei diesen Arbeitsschritten einzusetzen – als Ergänzung zu den anwaltlichen, menschlichen Fähigkeiten und nicht als Ersatz.
Du gestaltest bei MLL Legal nicht nur den technischen Wandel, sondern auch die Arbeitsweise der Anwältinnen und Anwälte: Wie begleitet MLL Legal diesen Wandel kulturell und personell?
«Kulturell» und «personell» sind genau die richtigen Stichworte. Es geht darum, das Mindset der Mitarbeitenden weiterzuentwickeln und eine Kultur zu etablieren, in der alle ermutigt werden, bestehende Arbeitsabläufe zu hinterfragen und mithilfe von KI zu optimieren – immer mit dem Ziel, die Qualität der Arbeit im Interesse der Klientinnen und Klienten zu steigern. Natürlich braucht es dafür auch die richtigen Tools, aber Tools allein reichen nicht. Entscheidend ist eine Kultur, die es den Menschen erlaubt, KI selbstverständlich, verantwortungsvoll und zielgerichtet einzusetzen. Im Zentrum stehen daher immer die Mitarbeitenden und deren Haltung.
Wie schulst du Anwältinnen und Anwälte im Umgang mit KI, und wo begegnen dir dabei die grössten Vorbehalte oder falschen Erwartungen?
Wir setzen bewusst auf einen breit angelegten, mehrstufigen Ansatz. Einmalige Schulungen genügen bei Weitem nicht. Konkret umfasst das Programm regelmässige Calls für alle Mitarbeitenden, fachspezifische Inputs in den Practice-Group-Meetings, gezielte AI-Booster-Sessions für Partner sowie Hackathons, die wir bereits in Zürich und Genf durchgeführt haben. Dazu kommen individuelle 1:1-Sessions nach Bedarf. Aktuell vergeht kaum ein Tag ohne ein KI-Training – sei es als strukturierte Session, als Kurzinput beim Lunch oder als spontaner Austausch am Arbeitsplatz. Was die Vorbehalte betrifft: Am häufigsten begegnet mir einerseits die Sorge, KI könne Fehler produzieren, die unerkannt bleiben. Dem begegnen wir mit klaren Verifizierungsprozessen. Andererseits gibt es die überzogene Erwartung, KI könne die juristische Denkarbeit komplett ersetzen. Die Realität liegt dazwischen, und es geht darum, KI sinnvoll und am richtigen Ort einzusetzen. Genau dieses Verständnis zu vermitteln, ist zentral.
Wo zieht MLL Legal die Grenze beim Einsatz von KI in der anwaltlichen Arbeit?
Der oberste Leitsatz ist klar: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter muss die eigenen Arbeitsprodukte zu 100% persönlich verantworten können – unabhängig davon, welche Hilfsmittel zum Einsatz kamen. Auf dem Weg dorthin lautet die Botschaft: Wo immer KI sinnvoll unterstützen kann, soll sie eingesetzt werden, und die Ergebnisse sind stets sorgfältig zu verifizieren. Eine weitere wesentliche Grenze ergibt sich aus dem Anwaltsgeheimnis und dem Datenschutz. Für die anwaltliche Arbeit werden ausschliesslich Tools eingesetzt, die mit den anwendbaren Regeln konform und intern freigegeben sind und deren Einsatz auf einem strukturierten Evaluations- und Freigabeprozess beruht. Innerhalb dieses klaren Rahmens setzen wir bewusst keine weiteren Grenzen. Im Gegenteil: Das Ziel ist, die Mitarbeitenden zu befähigen, das Potenzial von KI voll auszuschöpfen.
Manche Visionäre behaupten, KI werde künftig nicht nur den Kanzleialltag verändern, sondern den Rechtsmarkt insgesamt neu ordnen – bis hin zu KI-basierter Gesetzgebung oder Rechtsprechung. Ist das für dich Utopie, Dystopie oder eine Entwicklung, auf die man sich ernsthaft einstellen muss?
Ich bin überzeugt, dass KI den Rechtsmarkt stark prägen, Anwältinnen und Anwälte aber nicht ersetzen wird. Was sich fundamental verändert, ist die Art und Weise, wie wir unsere Arbeit ausüben. Das gleiche gilt für Gesetzgebung und Rechtsprechung. Aber auch hier wird KI in der täglichen Arbeit eine zunehmend wichtige Rolle spielen und die Herangehensweise verändern. Wenn es jedoch darum geht, welche Regeln wir als Gesellschaft implementieren wollen, werden wir diesen Entscheid nicht an eine KI delegieren – und sollten es auch nicht. Dasselbe gilt für die Rechtsprechung: KI wäre wohl durchaus in der Lage, gestützt auf eine Vielzahl von Präjudizien vernünftige Entscheide zu fällen. Ob wir als Gesellschaft so weit gehen wollen, ist eine menschliche und demokratische Frage. Grundsätzlich denke ich, dass wir das nicht wollen. Vorstellbar ist jedoch, dass KI-basierte Entscheidsysteme künftig in klar gelagerten Streitigkeiten mit tieferem Streitwert einen Platz finden. Sie wären effizienter und kostengünstiger und könnten den Zugang zum Recht erleichtern.
Adrian Schmidlin | legalis brief GesR 29.06.2026