V Vorgestellt

Henning Krause – «Ich bin zutiefst dankbar dafür, in einem Rechtsstaat leben zu dürfen.»

Sandra Schultz | legalis brief StrR 17.05.2022

Dr. Henning Krause war zunächst als Notarzt für die deutsche Bundewehr tätig. Dort hatte er Einsätze in Afghanistan, im Irak und war mit der Marine unterwegs. Seit 2018 ist er Gefängnisarzt in Basel. Heute stellt er sich unseren Fragen.

Wann sind sie das erste Mal mit Strafrecht in Kontakt gekommen?

Das war im Zusammenhang mit einer Gutachtertätigkeit im Bereich «Notfallmedizin». Ein 36jähriger Mann war an einem Herzinfarkt verstorben. Der Rechtsmediziner hatte sich festgelegt: Das Leben des Mannes hätte gerettet werden können, wenn er eher der medizinischen Diagnostik zugeführt worden wäre. In dem Prozess ging es um die Frage, welchem Glied innerhalb der verzögerten Rettungskette «Schuld» durch Unterlassen zugesprochen werden sollte.

Ich war damals vom Ablauf der Verhandlung sowie vom Urteil ziemlich bedrückt und musste lange über «Schuld» und «Gerechtigkeit» nachdenken.

Was sind ihre alltäglichen Herausforderungen?

Das Patientenklientel im Untersuchungsgefängnis weist etliche Besonderheiten auf. Viele Patienten übertragen ihre eigene Ohnmacht und Aggression auf die Mitarbeiter des medizinischen Dienstes oder versuchen, uns in irgendeiner Art und Weise zu manipulieren bzw. zu instrumentalisieren. Nicht wenige Lügen hinsichtlich ihrer Beschwerden, andere leiden unter ausgeprägten psychosomatischen Beschwerden. Einige kommen mit einer ausgeprägten Anspruchshaltung bezüglich Diagnostik und Therapie. Das «spezielle» Verhalten bei Entzugssymptomatik oder schweren psychiatrischen Erkrankungen brauche ich wohl nicht näher erläutern.

Auf der anderen Seite sind da aber auch Patienten, bei denen ich nicht zu sehr «mitleiden» darf…

Die grosse Herausforderung besteht darin, immer wieder das richtige Mass an «distanzierter Anteilnahme» zu finden sowie aufmerksam und konzentriert zu bleiben, um ersthafte Erkrankungen (oder Verletzungen) nicht zu übersehen.

Mit welcher Person aus dem Bereich des Strafrechts (aktuell oder historisch) würden Sie gerne für einen Tag die Rollen tauschen?

Mit keiner! Ich könnte Vieles nur schwer aushalten, z.B. Ungewissheit darüber, was wirklich geschehen ist; unklare Beweislage, Zumessung von Schuldfähigkeit, Umgang mit psychiatrischen Gutachten…

Aber: Je nach Lage könnte ich Stunden oder Tage mit einem Staatsanwalt oder einer Staatsanwältin bzw. mit einem Advokaten oder einer Advokatin an medico-legalen Fragestellungen aus meinem ursprünglichen Fachbereich tüfteln.

Haben ihre Erfahrungen mit dem Strafrecht Sie bzw. die Sicht auf Menschen verändert?

Meine Sicht auf Menschen allgemein hat sich kaum verändert, aber ich schaue nun differenzierter auf Menschen mit Psychosen oder schweren Persönlichkeitsstörungen. Aber an einer Stelle bin ich wohl vorsichtiger geworden. Bisher hatte ich keinerlei Hemmungen oder Ängste, bei Belästigung oder gewalttätigen Auseinandersetzungen einzuschreiten. Das überlege ich mir nun zweimal – was, wenn ich plötzlich als Beschuldigter dastehe? Was, wenn ich dabei jemanden verletze und ein Richter entscheidet, das Mass meiner «Gewaltanwendung» sei «unverhältnismässig» gewesen?

Machen Strafen Menschen zu bessern Leuten?

Ich bin mir sicher, ganze Generationen von Jurastudenten haben nicht nur die zugrundeliegenden Theorien ausführlich studiert, sondern auch hitzig diskutiert. Mit meiner beschränkten Erfahrung vermag ich nicht einmal ein simples, subjektives Statement abzugeben. Aber zwei Extrembeispiele fallen mir dabei ein, ohne Details preisgeben zu dürfen: Eine Haftstrafe, die das Beste war, was diesem Menschen passieren konnte und ein Haftablauf, der ein Menschenleben irreversibel zerstört hat.

Die Antwort auf die oben aufgeführte Frage muss wohl lauten: Es kommt auf den Einzelfall an.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, was würden Sie ändern (Strafnormen, Strafsystem, Prozess etc.)?

Auch für diese Frage gilt: Mir fehlt die Erfahrung. Ich bin nie in den Schuhen einer Advokatin/eines Advokaten oder eines Staatsanwaltes/einer Staatsanwältin gelaufen. Aber von aussen betrachtet sollten alle Instanzen – Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigung – personell bzw. finanziell so ausgestattet werden, dass sie ihre Aufgaben allzeit sach- und zeitgerecht bewältigen können.

Antwort auf eine hier nicht gestellte Frage, die mir aber persönlich sehr wichtig ist:

Bei der Frage, ob meine Auslandseinsätze (Afghanistan, Irak u.a.) mich verändert hätten, habe ich tatsächlich folgende, wahrheitsgemässe Antwort gegeben:

Ich freue mich noch heute über fliessendes Wasser und über jedes Grün. Und ich bin zutiefst dankbar dafür, in einem Rechtsstaat leben zu dürfen. Wir alle sollten begreifen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist und wir aufmerksam sein müssen, um jeglicher Gefährdung dieser unabhängigen Rechtsstaatlichkeit frühzeitig entgegenwirken zu können. Und wir dürfen in keinem Fall «rechtsfreie Räume» zulassen.

Interview auf legalis lesen …
Mehr Erfahren
Jetzt testen
Newsletter