V Vorgestellt

Youcef Hamerlain – «Strukturelle Veränderungen im Integrations- und Migrationsbereich sind notwendig.»

Cinzia Santo | legalis brief StrR 18.07.2022

Youcef Hamerlain ist Präsident und Gründer des VBGD, Verband der Behörden- und Gerichtsdolmetschenden Nordwestschweiz (www.vbgd.ch), sowie langjähriger Behörden- und Gerichtsdolmetscher (in der Folge BGD) für die Sprachen Arabisch, Arabisch-Maghrebinisch und Französisch. Zudem arbeitet er als Fachmann für Psychiatrie und Psychotherapie an der PBL, Psychiatrie Baselland in Liestal. In seiner Freizeit setzt er sich für die Integration von Migranten und Migrantinnen ein und nimmt in diesem Bereich an diversen Projekten aktiv teil. Die folgenden Fragen beantwortet er aus der Sicht eines BGD mit 30 Jahren Erfahrung.

Wann sind Sie das erste Mal mit dem Strafrecht in Kontakt gekommen?

Mein erster Kontakt zum Strafrecht fand 1985-1989 an der Ecole Nationale d’Administration in Algier statt, dies im Rahmen eines Einführungskurses ins Strafrecht. 1989 zog ich dann ins Saarland, Deutschland, und war da als vereidigter Dolmetscher tätig. Mit dem schweizerischen Strafrecht kam ich 2002 in Kontakt, als ich mich in der Schweiz niederliess.

Damals, anders als jetzt, wurde das Dolmetschwesen eher stiefmütterlich betreut. Unterdessen ist eine gewisse Professionalisierung eingetreten und Dolmetschende müssen in immer mehr Kantonen ein Zertifikat im Behörden- und Gerichtsdolmetschen vorweisen, um bei den Behörden und Gerichten dolmetschen zu dürfen. Am Zulassungskurs des Obergerichts des Kantons Zürich beispielsweise wird eine Einführung in die wichtigsten Bereiche des Gesetzes gegeben, die Rolle des Dolmetschers definiert und auch Notizentechnik geschult. Die Prüfung selbst besteht aus einem Fragebogen mit 70 rechtlichen Fragen und einem mündlichen Dolmetschteil.

Was sind Ihre alltäglichen Herausforderungen?

Nebst meinen beruflichen Tätigkeiten in der psychiatrischen Klinik und als BGD beschäftige ich mich täglich mit dem VBGD, was eigentlich ein sehr gutes Zeichen ist, da der Verband seit der Gründung 2018 stetig wächst. Dennoch steht auch heute noch viel Aufbauarbeit, gerade im Bereich der Vernetzung, an. Einerseits möchten wir den Austausch unter den Dolmetscherinnen und Dolmetschern fördern, anderseits verfolgen wir das Ziel einer guten Vernetzung und engen Zusammenarbeit mit den kantonalen Behörden und Gerichten sowie den Anwaltskanzleien und -verbänden, insbesondere der Nordwestschweiz.

Unterdessen zählt der Verband 96 Mitglieder und es sind über 20 Sprachen vertreten. Aktuell besteht der Vorstand aus sechs Dolmetscherinnen und Dolmetschern. Wir halten unsere Mitglieder mittels Informationsschreiben ständig auf dem neuesten Stand der Dinge und organisieren regelmässig Weiterbildungen. Im letzten Jahr zum Beispiel zum Thema StGB 66a, Landesverweisung. Neu bieten wir unseren Mitgliedern auch Workshops an (z.B. zu Notizentechnik). Der Vorstand arbeitet ehrenamtlich, was manchmal auch eine Herausforderung für mich und meine fünf Kolleginnen darstellt, da unsere zeitlichen und finanziellen Ressourcen beschränkt sind.

Als Hauptherausforderung erfahre ich als Präsident des VBGD und als BGD die kantonalen Unterschiede in der Handhabung des Dolmetschwesens und die Arbeitskonditionen. BGD gelten arbeitsrechtlich als selbstständig Erwerbende, versicherungsrechtlich jedoch als Angestellte. So fallen sie in Sachen Sozialversicherungen durch jegliches Sicherheitsnetz. Dies haben Dolmetschende, die einen guten Teil des Lohnes durch das Dolmetschen erwerben oder ausschliesslich vom Dolmetschen leben, während der Coronakrise schmerzlich zu spüren bekommen, als von einem Tag auf den anderen sämtlichen Verhandlungen abgesagt wurden und es keinerlei Entschädigung für BGD gab, weder in Form von Kurzarbeit noch von Erwerbsausfallsentschädigung. Dies ist eine erschreckende Tatsache, wo doch das Anrecht auf einen Dolmetscher im Gesetz verankert ist und BGD als fester Bestandteil in Verfahren mit fremdsprachigen Beteiligten gelten.

Mit welcher Person aus dem Bereich des Strafrechts (aktuell oder historisch) würden Sie gerne für einen Tag die Rollen tauschen?

BGD sind neutral, unparteiisch, haben keinen Einfluss auf das Verfahren und müssen keine Entscheide treffen. Insofern fände ich es spannend, einmal die Rolle eines Anwalts in der Vertretung eines Mandanten zu übernehmen, der sich eigenmächtig entschieden hat, wider Empfehlung und Vereinbarung, Aussagen zur Sache zu machen. Ich würde mich gerne der Herausforderung stellen, inmitten einer Verhandlung meine Improvisationsfähigkeit auf den Prüfstand zu stellen und den Kurs der Verteidigung unerwartet umstellen zu müssen. Als Dolmetscher habe ich dies schon mehrfach miterleben und beobachten dürfen.

Haben Ihre Erfahrungen mit dem Strafrecht Sie bzw. die Sicht auf Menschen verändert?

Für mich als Dolmetscher stellt der Mensch den Mittelpunkt meiner Tätigkeit dar, insofern hat sich meine Sicht auf Menschen nicht verändert. Mich persönlich fasziniert prinzipiell der Kontakt mit Menschen, unabhängig der Herkunft und der möglichen Tat, die jemand begangen haben kann. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Mühe habe ich allerdings mit Vorurteilen, die den einvernommenen Personen/Beteiligten manchmal entgegengebracht werden oder, wenn ich als Dolmetscher mit Migrationshintergrund nicht angebrachte Andeutungen verdolmetschen muss.

Machen Strafen Menschen zu besseren Leuten?

Das kann ich so nicht sagen. Ich treffe in meiner Tätigkeit immer wieder auf «alte Bekannte». Zum Beispiel, weil bei gewissen Nationen eine Landesverweisung nicht oder nur erschwert durchgeführt werden kann und viele somit weiter straffällig bleiben und nicht in die Gesellschaft eingebunden werden (können). Das zeigt doch, dass Strafe allein Menschen nicht zu besseren Menschen macht.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, was würden Sie ändern (Strafnormen, Strafsystem, Prozess etc.)?

Als Dolmetscher begegne ich vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, deshalb kommen mir als erstes die notwendigen strukturellen Veränderungen im Integrations- und Migrationsbereich in den Sinn. Wenn die knappe Nothilfe nicht ausreicht, ist schnell mal ein Delikt begangen – arbeiten dürfen diese Menschen ja nicht und eingebunden in eine Tagesstruktur sind sie auch nicht.

Für das Dolmetscherwesen würde ich mir eine gesamtschweizerische und vor allem aus sozialversicherungsrechtlicher Sicht «sicherere» Lösung für BGD wünschen. Es gibt leider immer noch Kantone, die keine Dolmetscherverordnung haben. Ich bin prinzipiell für die Harmonisierung des Justizdolmetschwesens.

Des Weiteren sollten meiner Meinung nach die kantonalen Behörden und Gerichte sowie die Strafverteidiger/Anwälte die Dienste der professionellen Dolmetscherinnen und Dolmetscher nutzen. Diese Möglichkeit haben sie z.B. über unsere Plattform und dem Online-Mitgliederverzeichnis. Der VBGD ist zwar keine Vermittlungsstelle, aber unsere Mitglieder sind alle durch mindestens einen Kanton für das Behörden- und Gerichtsdolmetschen akkreditiert.

Wir laden Behörden, Organisationen, Anwälte, usw., die professionelle Arbeit im Bereich des Dolmetschwesens erwarten und fordern, ein, unserem Verband als Passivmitglied (CHF 50.00/Jahr) beizutreten und uns auf diese Weise zu unterstützen. Wir freuen uns auf einen regen Austausch und eine förderliche Vernetzung. Für weitere Informationen zum VBGD: www.vbgd.ch)

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