11 | 2015
Bibliographie

Claudia Seitz | Thomas LĂŒbbig | Max Klasse

Kartellrecht im Pharma- und Gesundheitssektor

|Besprechung | Compte rendu

Thomas LĂŒbbig | Max Klasse

Nomos Verlag, Baden-Baden 2015, 2. Aufl., 290 Seiten, broschiert, EUR 59,–. ISBN 978-3-8329-7582-1

Der Gesundheitssektor ist ein bedeutender Wirtschaftszweig, der durch steigende Kosten und Finanzierungsfragen geprĂ€gt ist. Es liegt daher nahe, mit der Idee der Liberalisierung und der Marktöffnung das Wettbewerbselement zu stĂ€rken, um so mithilfe des Wettbewerbs eine Senkung der Kosten sowie eine Verbesserung der QualitĂ€t der Gesundheitsversorgung zu erreichen. So ist der Gesundheitssektor durch eine zunehmende Ökonomisierung einerseits und eine StĂ€rkung des Wettbewerbsprinzips andererseits geprĂ€gt. Mit der Marktöffnung entsteht Wettbewerb, der wiederum den Vorgaben des Wettbewerbs- und Kartellrechts unterliegt. Kartellrechtliche Vorgaben im Bereich des Gesundheitssektors gewinnen zunehmend an Bedeutung, sodass sich durch die entsprechende Fallpraxis der nationalen und europĂ€ischen Behörden und Gerichte ein eigenstĂ€ndiges Gesundheitskartellrecht im Bereich des öffentlichen Gesundheitsrechts herauszubilden beginnt. Die grundsĂ€tzliche Geltung des Wettbewerbsprinzips und damit kartellrechtlicher Vorgaben im Gesundheitssektor sind unbestritten. Gleichwohl zeichnet sich dieser Sektor durch einen hohen Grad an diversen Regulierungen aus, die dem Grundsatz der SolidaritĂ€t geschuldet sind oder auf sozialen Zwecken oder sonstigen Schutzwecken beruhen, wie beispielsweise dem Zulassungsrecht oder dem Kostenerstattungsrecht.

Diesem entstehenden Bereich des Gesundheitskartellrechts nimmt sich das vorliegende Werk Kartellrecht im Pharma- und Gesundheitssektor der beiden Autoren Thomas LĂŒbbig und Max Klasse an, welches nunmehr in der zweiten Auflage erschienen ist. Seit der ersten Auflage dieses Werkes im Jahr 2007 hat sich im Bereich des Gesundheitskartellrechts viel getan: Der Pharma- und Gesundheitssektor rĂŒckte in zunehmenden Masse in den Fokus der nationalen und europĂ€ischen Kartellbehörden. Ein vorlĂ€ufiger Höhepunkt bildete die Pharmasektorenuntersuchung der EuropĂ€ischen Kommission in den Jahren 2008 und 2009. Wie die EuropĂ€ische Kommission im letzten Jahr verlauten liess, wird sich ihre AufsichtstĂ€tigkeit ĂŒber den Gesundheitssektor in Zukunft noch verstĂ€rken. Hinzu kommen die Sektorenuntersuchungen der EU-Mitgliedstaaten sowie Verwaltungs- und Gerichtsverfahren. Die Autoren nehmen diese Neuerungen in der zweiten Auflage des Werkes auf und ordnen sie in die bisherige Entwicklung ein. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt im europĂ€ischen und deutschen Kartell-und Gesundheitsrecht.

Das Werk umfasst in insgesamt sechs Abschnitten sĂ€mtliche Bereiche des Kartellrechts im Bereich des Gesundheitssektors. ZunĂ€chst stellen Thomas LĂŒbbig und Max Klasse im ersten Teil (§ 1) die Grundlagen in einem allgemeinen Überblick vor. Hier weisen sie zunĂ€chst auf die allgemeine Ökonomisierung und die StĂ€rkung des Wettbewerbsprinzips in der gesetzlichen Krankenversicherung hin. Die Betrachtung fokussiert sich auf die Rechtslage in Deutschland. Von praktischem und auch dogmatischem Interesse erweisen sich die AusfĂŒhrungen zur Geltung des Kartellrechts im Gesundheitswesen. Interessant sind hier die AusfĂŒhrungen zum Unternehmensbegriff im Gesundheitssektor. In diesem Bereich herrscht trotz vereinzelter Rechtsprechung der Unionsgerichte, wie beispielsweise im Urteil des EuGH in der Rechtssache AOK, nach wie vor Unklarheit, wann ein Leistungserbringer als Unternehmen zu qualifizieren ist. Nur in diesem Fall kommt das Kartellrecht zur Anwendung. Die Verfasser arbeiten hier die Kriterien fĂŒr eine Beurteilung der Unternehmenseigenschaft anhand der bisherigen Rechtsprechung heraus, weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass die Bestimmung einer unternehmerischen TĂ€tigkeit zu den schwierigsten Fragen des europĂ€ischen Kartellrechts gehört.

Im zweiten Teil (§ 2) zu den Marktteilnehmern, den Schwerpunkten der kartellbehördlichen Fallpraxis sowie zur Marktabgrenzung analysieren die Verfasser die Bereiche des Gesundheitssektors getrennt nach ihren jeweiligen Produktbereichen bzw. TĂ€tigkeitsfeldern. Die Untersuchung erfolgt jeweils separat fĂŒr die pharmazeutische Industrie, fĂŒr Medizinprodukte sowie fĂŒr Diagnostika, fĂŒr den Arzneimittelgrosshandel, fĂŒr Apotheken, fĂŒr Ärzte und berufsstĂ€ndische Organisationen der Ärzteschaft, fĂŒr KrankenhĂ€user sowie fĂŒr Krankenkassen. FĂŒr die Bereiche pharmazeutische Industrie, Medizinprodukte, Diagnostika und Arzneimittelgrosshandel erfolgt nach einer kurzen EinfĂŒhrung jeweils eine Darstellung der Schwerpunkte und der GrundzĂŒge der kartellbehördlichen Praxis sowie der Kasuistik in den einzelnen Produktbereichen. Insbesondere die beiden Bereiche KrankenhĂ€user und |Krankenkassen werden ausfĂŒhrlich im Hinblick auf ihre jeweilige Wettbewerbsstruktur analysiert und die jeweiligen Besonderheiten aufgezeigt – dies vor allem vor dem Hintergrund der Frage, ob es sich bei den jeweiligen Leistungserbringern um Unternehmen handelt und das Kartellrecht ĂŒberhaupt zur Anwendung gelangt. So werden beispielsweise im Bereich der KrankenhĂ€user die Fragen der Finanzierung, die VergĂŒtungsregelung durch das Fallpauschalensystem sowie der Preiswettbewerb und andere Wettbewerbsparameter eingĂ€ngig und verstĂ€ndlich dargestellt. So werden die Eigenheiten dieses Bereichs im Rahmen der kartellrechtlichen Beurteilung und der kartellbehördlichen Praxis deutlich. Ebenso werden im Bereich der Krankenkassen im Rahmen der wettbewerbsstrukturellen Ausgangssituation die Struktur der gesetzlichen Krankenkassen und die Krankenkassenfinanzierung erlĂ€utert und die Schwerpunkte der kartellrechtlichen Praxis im Rahmen des deutschen und europĂ€ischen Rechts behandelt und die Unterschiede aufgezeigt. Interessant sind in diesem Zusammenhang die AusfĂŒhrungen zum EU-Recht, welches im Hinblick auf eine entsprechende Anwendung des deutschen Kartellrechts keine Sperrwirkung entfaltet. Hilfreich fĂŒr die Praxis erweist sich auch die Darstellung zur Marktdefinition im Hinblick auf die sachliche oder geografische Marktabgrenzung oder die NachfragemĂ€rkte, die auf die entsprechende Kasuistik Bezug nimmt.

Nach den allgemeinen AusfĂŒhrungen zu den einzelnen Marktteilnehmern und zur Abgrenzung der einzelnen MĂ€rkte im Gesundheitssektor widmet sich das Werk in einem dritten Teil (§ 3) der ZulĂ€ssigkeit horizontaler und vertikaler Vereinbarungen im Rahmen des Kartellverbots des europĂ€ischen und deutschen Kartellrechts. Nach kurzen Vorbemerkungen werden ausfĂŒhrlich die Kartellvereinbarungen zwischen Wettbewerbern im gesundheitsökonomischen Sektor behandelt. Der Schwerpunkt liegt auf den angebotsseitigen Kartellvereinbarungen, wie beispielsweise wettbewerbsbeschrĂ€nkenden Absprachen bei Ärzten und ÄrzteverbĂ€nden, Preisabsprachen von Arzneimittelherstellern, Bieterabsprachen sowie Preisabsprachen im Arzneimittelgrosshandel und kartellrechtswidrige Verhaltensweisen von Apotheken. Die Darstellung der einzelnen horizontalen Fallgruppen erweist sich als sehr aktuell und auf dem neuesten Stand. Selbst aktuelle Entwicklungen, wie beispielsweise die angebliche Kartellabsprache ĂŒber die Off-label-Verwendung von Avastin, die derzeit gerichtlich noch nicht abgeschlossen ist, werden kurz angesprochen. Im Bereich der vertikalen Absprachen wird kurz auf die Entscheidpraxis des deutschen Bundeskartellamts eingegangen. Abgerundet wird dieser Teil durch eine kurze Beleuchtung der Co-Marketing- und Co-Distributions-VertrĂ€ge.

Der anschliessende vierte Teil (§ 4) widmet sich dem Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung im Gesundheitssektor. ZunĂ€chst wird die Bedeutung der Missbrauchsaufsicht im gesundheitsökonomischen Sektor dargestellt. Es wird auf die Frage des Bestehens einer marktbeherrschenden Stellung ebenso eingegangen wie auf die MissbrauchstatbestĂ€nde im Einzelnen. Die Darstellung der MissbrauchstatbestĂ€nde ist in klassischer Weise unterteilt in Ausbeutungs- und Behinderungsmissbrauch. Der Schwerpunkt der Darstellung entspricht der Kasuistik der EU-Kommission, der Unionsgerichte und der EU-Mitgliedstaaten und liegt eindeutig im Bereich des Behinderungsmissbrauchs. Es werden beispielsweise Kampfpreisstrategien, missbrĂ€uchliche Rabattgestaltung, Behinderung durch Kostenpreisscheren sowie die missbrĂ€uchliche Behinderung durch negative Aussagen ĂŒber Eigenschaften von Wettbewerberprodukten angesprochen. Interessant sind die AusfĂŒhrungen zum VerhĂ€ltnis der Missbrauchsaufsicht zum Schutz geistigen Eigentums, in welchen ausfĂŒhrlich auf den Fall «AstraZeneca» eingegangen wird. Hier werden auch die Eigenheiten des Arzneimittelmarktes deutlich, da sich der Fall «AstraZeneca» auch auf die Frage des Unterlagenschutzes im Hinblick auf die erleichterte Zulassung von Generikaherstellern bezog, die kein gewerbliches Schutzrecht darstellt. Des Weiteren wird auch die kartellrechtliche Missbrauchskontrolle bei Änderungen der Vertriebsgestaltung sowie im Rahmen des Nachfrageverhaltens der gesetzlichen Sozialversicherung aufgezeigt.

Der fĂŒnfte Teil (§ 5) widmet sich den Schwerpunkten der europĂ€ischen Wettbewerbspolitik. Es wird ausfĂŒhrlich auf die Entscheidpraxis bei Parallelhandel mit Arzneimitteln eingegangen und die Kasuistik in Spanien, Belgien und Frankreich sowie Grossbritanien aufgezeigt. Ebenso wird die Wettbewerbsuntersuchung des Arzneimittelsektors im Rahmen der Sektorenuntersuchung der EU-Kommission sowie die Entscheidpraxis der EU-Kommission untersucht. Hier wird auch auf die neuere Fallpraxis eingegangen, indem die FĂ€lle «Lundbeck», «Johnson&Johnson/Sandoz» und «Servier» kurz skizziert werden und eine Bewertung vorgenommen wird.

Schliesslich erfolgt in einem sechsten Teil (§ 6) die Darstellung des Verfahrens und des materiellen Rechts der Fusionskontrolle. Nach einem kurzen Überblick bilden die europĂ€ische und die deutsche Fusionskontrolle die Schwerpunkte der rechtlichen Systematik der Zusammenschlusskontrolle. Es folgen ausfĂŒhrliche Darstelllungen sektorspezifischer Fusionskontrollen fĂŒr die Bereiche des Pharmasektors, der Krankenkassen sowie des Krankenhaussektors, der insbesondere durch einschlĂ€gige Rechtsprechung besondere Bedeutung erfahren hat.

Insgesamt handelt es sich bei der zweiten Auflage des vorliegenden |Werkes «Kartellrecht im Pharma- und Gesundheitssektor» um eine sehr lesenswerte, aktuelle und umfassende Darstellung des spezifischen Bereichs des Gesundheitskartellrechts. Das gut gegliederte Werk liefert Zusammenfassungen und Informationen auf dem neuesten Stand, zeigt ZusammenhĂ€nge auf und vermittelt Wissen in komprimierter Form. Ein ĂŒbersichtliches Inhaltsverzeichnis sowie ein ausfĂŒhrliches Stichwortverzeichnis erleichtert das Auffinden der entsprechenden Abschnitte. Den beiden Verfassern Thomas LĂŒbbig und Max Klasse ist es gelungen, die unĂŒbersichtliche Kasuistik zusammenzufassen, zu ordnen und verstĂ€ndlich zu vermitteln. Auch die zweite Auflage kann jedem im Bereich des Gesundheitskartellrechts tĂ€tigen Juristen, sei es im Unternehmen, der Verwaltung oder in Gerichten, zur LektĂŒre empfohlen werden. Dass das Werk dabei auf das deutsche und europĂ€ische Recht fokussiert und zum Teil die Kasuistik einiger EU-Mitgliedstaaten miteinbezieht und keine direkten BezĂŒge zum Recht der Schweiz aufweist, sollte das Werk fĂŒr die Schweizer Leserschaft nicht weniger interessant machen, gibt es doch wertvolle Hilfestellung und Anregung bei Fragestellungen aus rechtsvergleichender Sicht. Insgesamt ist das Werk in jeder Hinsicht zu empfehlen.

Professor Dr. Claudia Seitz, M.A. Juristische FakultÀt der UniversitÀt Basel