11|2020
Berichte | Rapports

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Erinnerungen an Peter Heinrich

«Der Richter muss Dich nicht gern haben. Aber er muss Dich respektieren.»

Einen Rat, den ich als junger Substitut von Peter Heinrich mit auf den Weg bekam, als es darum ging, einer richterlichen Anordnung zu widersprechen. Es war bei Weitem nicht der einzige Ratschlag, den ich als angehender Rechtsanwalt von ihm erhalten hatte. Dieser blieb mir in besonderer Erinnerung.

Wochen davor hatte ich ihn kennengelernt, in der zweiten HĂ€lfte der 80er-Jahre: Er hatte sich «vorsichtig herangetastet», um mich dann mit einer besonderen Idee zu ĂŒberraschen, herauszufordern, wohl auch zu provozieren. Peter Heinrich hatte öfters etwas «besondere Ideen». Eigene Vorstellungen – auch vom Leben. Manchmal etwas skurril. Meist witzig. Nie ganz abwegig. Er wollte erfahren, wie man auf seine Provokationen reagiert. – Und liebte dann die Auseinandersetzung damit in klaren Worten. Praktisch immer verbunden mit einem Lachen oder LĂ€cheln. Er eckte an, hatte Freude an skurrilen Analogien. Wenn man ihn kannte, lernte man ihn schĂ€tzen. Wer ihn nicht kannte, den konnte er auch enervieren – bewusst. Er hĂ€tte diese Eigenheit als Kompliment aufgefasst, seinen Spass daran gehabt.

Peter Heinrich war ein Lebensgeniesser. Ein Lebens- und LesekĂŒnstler. Ein «Bonvivant». Er liebte seinen Beruf. Arbeitete, um zu leben. Und lebte fĂŒr die Arbeit – und fĂŒr seine Freizeit. In vollen ZĂŒgen. Alles immer durchtrĂ€nkt mit intellektueller Auseinandersetzung.

Das war sicher auch der Grund, warum er das Patentrecht bevorzugte: Die Verbindung von rechtlicher Argumentation und naturwissenschaftlichem Wissen war fĂŒr ihn ein Lebenselixier. Er liebte es, den Sachverhalt vor Ort, sei’s an BrĂŒckenpfeilern oder anderen StĂ€tten des patentrechtlichen Geschehens, selbst abzuklĂ€ren und sich zu vergewissern, wie es sich tatsĂ€chlich verhĂ€lt.

Es gab noch eine Reihe weiterer solcher «Lebenselixiere» bei Peter Heinrich, die er alle grĂŒndlich auskostete: Dazu gehörten seine zweite Heimat Calfreisen und die Berge, Italien und Frankreich und die damit verbundenen kulinarischen Lebensfreuden.

Er kĂ€mpfte gegen eine StrassenfĂŒhrung, den Berg zu «seinem» Calfreisen hinauf, die sich nicht genĂŒgend in die Landschaft einfĂŒgte. «ZĂŒri-Peter» engagierte sich in seinem Calfreisen fĂŒr einen «sanften Hoch- und Tiefbau», notfalls auch mit unorthodoxen persönlichen, taktischen, wirtschaftlichen oder rechtlichen Schritten. Er renovierte und «besiedelte» HĂ€user mit Mitmenschen, von denen er glaubte, dass sie ins Dorf passen wĂŒrden.

Kaum ein Schweizer Berg oder ein Tal, den oder das er nicht kannte.

Er liebte es, seine Frankreich- und Italienreisen akribisch zu planen und zu organisieren. Nach seinen Reisen wollte er seine Erfahrungen teilen. Witzig, gesprĂ€chig, manchmal ĂŒberbordend erzĂ€hlte er gerne in farbigsten Details, wie er mit Frau und Kind die dortigen (Wein-)Gegenden durchwanderte oder mit dem Fahrrad erkundete. Er mochte es auch, Reisen fĂŒr Dritte zu organisieren – unter der Bedingung, dass sie zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem Zug unternommen wurden.

Woher er auch noch die Zeit nahm, so unendlich viel zu lesen, blieb mir lange ein RÀtsel. Ein Teil des RÀtsels Lösung war sicher, dass er Fernseher, Autos und Flugzeuge verachtete: Die Stunden, die wir vielen damit «verschwenden», verbrachte er lesend und reisend im Zug.

Seine literarischen Erkenntnisse und Abenteuer gab er weiter. Er liebte Sprachen und die klare Sprache. Er empfahl mir, Wolf Schneiders «Wörter machen Leute» zu lesen. Und schwĂ€rmte von Nabokovs Lolita, wobei er selbstverstĂ€ndlich auch im Grand Hotel Montreux gastierte und dort die AtmosphĂ€re des Autors atmete. Damals war «politisch korrekt» zum GlĂŒck noch kein Thema.

Peter Heinrich lebte vor, dass es noch andere Freuden gibt und war nicht nur Patent- und ImmaterialgĂŒter-, sondern auch Bau- und Verwaltungs-Rechtsanwalt, BerggĂ€nger, Skitourenfahrer und -fĂŒhrer, MĂ€her, Heuer, Strassenbauer, HĂ€userrenovierer, Frankreich- und Italienkenner. Alles mit Liebe zum Detail.

Erst «in den 50ern» seines Lebens machte sich Peter Heinrich an sein berufliches VermĂ€chtnis: Nachdem sein Mentor, Mario M. Pedrazzini, zusammen mit Rudolf Blum 1957 den «Blum / Pedrazzini»-Patentgesetzkommentar veröffentlicht und kurz vor Inkrafttreten des EuropĂ€ischen Patent- | ĂŒbereinkommens 1975 neu aufgelegt hatte, schuf Peter Heinrich im Alleingang kurz vor der Jahrtausendwende einen eigenstĂ€ndigen, synoptischen Kommentar zum Schweizer Patentgesetz und zum EuropĂ€ischen PatentĂŒbereinkommen. Dazu Ă€usserte er schon im Vorwort der ersten Auflage den ernst gemeinten Wunsch: «Gelohnt hat sich diese Arbeit nur, wenn sie meinen Kolleginnen und Kollegen dazu dient, ihre Arbeit schneller zu erledigen und am Abend frĂŒher nach Hause zu gehen.» Die dritte Auflage seines Werks erschien 2018. ZusĂ€tzlich erarbeitete er 2014 noch die zweite Auflage seines Kommentars zum Designgesetz und Haager Abkommen ĂŒber die internationale Hinterlegung gewerblicher Muster und Modelle. Das geschah schon lange nicht mehr aus beruflichen Überlegungen, sondern aus Freude an der Sache und um sein Wissen an JĂŒngere weiterzugeben.

Es muss fĂŒr ihn ein unvorstellbarer Schock gewesen sein, als er im letzten Abschnitt seines Berufslebens wegen eines Hirnschlags mehrere Monate die Sprache verlor. Und es ist typisch fĂŒr ihn, dass er sich die Sprache ĂŒber Monate hinweg wieder erkĂ€mpfte und erarbeitete. – Und nicht davor zurĂŒckscheute, sie im Kreis der Kollegen und bei Veranstaltungen wieder einzusetzen, manchmal nach Worten suchend und SĂ€tze verdrehend. Er kannte trotz Hirnschlag keine Pensionierung: «Jetzt fang ich erst richtig an» – sagte er damals und meinte damit, sich endlich ohne Zeitdruck fĂŒr all das zu engagieren, was ihn interessierte.

Der Verlust seiner geliebten Frau Trudi 2015 und eine damit vielleicht einhergehende «Altersmilde» liessen ihn auch gegenĂŒber seinem Sohn Martin nachsichtiger werden und einen «Burg-» und vielleicht sogar einen Seelenfrieden finden.

Wenn ich meine Erinnerungen an Peter Heinrich auf einen einzigen Punkt bringen mĂŒsste, dann war es der Umgang mit seiner Zeit, der ihn so besonders machte: Er nahm sich Zeit. In unserem Berufsalltag, wo Zeit Geld bedeutet, und Seniorpartner sich stĂ€ndig darĂŒber beklagten – oder damit brĂŒsteten –, dass sie keine Zeit hĂ€tten, da hatte oder nahm sich Peter Heinrich immer Zeit, um fĂŒr Fragen von Freunden, Substituten, SekretĂ€rinnen und Kollegen da zu sein – jedenfalls fĂŒr jene, die seine Eigenheiten, seine Eigensinnigkeit, seine Eigenwilligkeit, seinen skurrilen Witz und Humor akzeptierten. Von denen er gegenseitige WertschĂ€tzung erfuhr. Er genoss es, zu leben und zu lachen. Seine PrĂ€senz war inspirierend. Die Zeit, die er mir als Substitut schenkte, ist der Grund dafĂŒr, dass ich heute Freude daran habe, mich an ihn mit diesem Nachruf zu erinnern. Ich bin ĂŒberzeugt, seinem grossen und besonderen Freundeskreis geht es genauso.

Peter Heinrich ist am 10. August 2020 mit «seinem Schilter» – einem berggĂ€ngigen Motorfahrzeug – in seiner zweiten Heimat, Calfreisen, tödlich verunglĂŒckt.

Christian Hilti