| Die digitale Allmende
Zur Frage des nachhaltigen Umgangs mit Kultur im digitalen Lebensraum
Dike Verlag, Zürich 2021, LVII+222 Seiten, CHF 78.00, ISBN 978-3-03891-352-8
Die Autorin dankt Alexander Rom, BLaw für die Durchsicht des Textes.
Die Dissertation von Dario Henri Haux widmet sich dem Phänomen der Entstehung neuer kulturellen Praktiken im digitalen Raum und deren Verhältnis mit dem Recht im weiteren Sinne. Der Autor beobachtet dabei, wie diese neue Art, Kultur zu betreiben, auch neue Kulturformen entstehen lässt: Anhand von vielen konkreten Beispielen (von Wikipedia bis zu Internet-Subkulturen), analysiert er, welche Beteiligten ihre verschiedenen Praktiken betreiben und welche Beweggründe dahinter stecken. Entwicklungen dieser Art im digitalen Raum versteht Haux als Herausforderungen für das Immaterialgüterrecht und für das Recht im Allgemeinen. Die zentrale Forschungsfrage bezieht sich somit sowohl auf die bereits eingetretenen Reaktionen des Rechts (dabei wird auch gefragt, was unter «Recht» verstanden werden soll) als auch auf zukünftige Perspektiven in diesem Bereich. Ein dritter Forschungskomplex geht der Frage nach der «Sprache» des Rechts nach: Haux anerkennt im Laufe der Arbeit, dass diese gegenüber der digitalen Geschwindigkeit oft «im Verzug» sei. Er fragt sich somit, was reguliert wird, und wie es reguliert werden soll.
Als Erstes wird das deutsche Urteil «Metall auf Metall» behandelt, bei welchem es um das digitale Musiksampling geht. Das Urteil wird nicht ausschliesslich anhand von bewährten juristischen Methoden analysiert, sondern auf innovative – und interdisziplinäre – Weise erforscht. Haux benutzt verschiedene Problemkonstellationen, die er als «Raum», «digitale Kultur», «Zugang», «Nachhaltigkeit», «Kompensation» und «Beziehungen» identifiziert. Anhand dieser Kategorien leuchtet er Aspekte des Urteils und der darin behandelten Praxis des Samplings ein. Das starre Gebiet juristischer Definitionen und Abgrenzungen wird somit absichtlich verlassen, um die Unsicherheiten des rechtlichen Umgangs mit digitalen Kulturproduktionen wiederzugeben. Gleichzeitig werden damit Anknüpfungspunkte für die weitere Reflexion geschaffen.
Nach einer Übersicht über die Entstehung, die Merkmale und den rechtlichen Bestand der traditionellen Allmende in der Schweiz, setzt sich Haux kritisch mit der «Tragödie» auseinander, die sie vermeintlich betrifft. Dieses Kapitel ist aber als Einführung zur Diskussion über das für die Arbeit zentrale Konzept der digitalen Allmende zu verstehen: Anhand des Beispiels von Wikipedia wird die komplexe Funktionsweise der sog. «Wissensallmende» dargestellt. Das Exempel bietet dem Autor auch die Gelegenheit, technische Aspekte dieser, aber auch anderer Formen digitaler Zusammenarbeit zu erklären, sowie die «dunklen Seiten» von Wikipedia, jenseits jeglicher Idealismen, darzulegen. In einer Symmetrie, die Orientierung schafft, wird dann wieder die Frage der Tragödie, nun für die digitalen Allmenden, vertieft und pragmatisch eingegangen.
Nicht nur Musiksampling und Wikipedia, sondern auch User Generated Content (UGC) und dessen Verbreitung stellen – mangels adäquater Rechtssprache – eine Herausforderung für das Recht dar. Im 5. Kapitel setzt sich der Autor mit Formen der Selbstregulierung auseinander, die zur Lückenfüllung im Bereich der Lizenzierung geistiger Inhalte spontan entstanden sind: Creative Commons, Open Access, Open Source und Open Content werden voneinander abgegrenzt, in den jeweiligen rechtlichen und Zivilgesellschaftskontexten eingeordnet, und dann kritisch hinterfragt.
Im vierten und letzten Teil seiner Arbeit testet Haux die Figur der digitalen Allmende als mögliche Lösung zur Gewährleistung des nachhaltigen Umgangs mit digitaler Kultur aus. So kommen die im Zusammenhang mit der Urteilsbesprechung «Metall auf Metall» benutzten Konstellationen zurück: «Raum», «digitale Kultur», «Zugang», «Nachhaltigkeit», «Kompensation» und «Beziehungen» werden alle aufgegliedert und produktiv weiterentwickelt.
Eine gepflegte Interdisziplinarität macht sich durch die ganze Arbeit hindurch bemerkbar. Haux belässt es nicht da | bei, mit einer ausschliesslich rechtlichen Perspektive («das Recht zielt in erster Linie auf die Regelung abstrakter Lebenssachverhalte», S. 5) auf den Fall einzugehen, sondern beschäftigt sich mit der «rohen Wirklichkeit» der Kulturentstehung (S. 203), welche sich ausgehend von hochdynamischen sozialen Praktiken profiliert, sowie mit den verschiedensten theoretischen Kontexten («so kann es gelingen (…), eine unentbehrliche gesellschaftstheoretische Problembearbeitung nicht an einer disziplinären Selbstbeschränkung scheitern zu lassen», S. 29). Die ganze Arbeit stellt einen Versuch dar, eine Verbindung zwischen diesen beiden Perspektiven herzustellen bis hin zur Schlussfolgerung, dass eine rechtliche Regulierung von einer vertieften und «empathischen» Auseinandersetzung mit diesen anderen Arten der Kulturproduktion profitieren kann. Die verschiedenen Kapitel beinhalten viele konkrete Beispiele aus der Internet-Realität: So lernt man u.a. digitale und analoge Archive menschlicher Kulturgüter (S. 108 ff.), Fanfiction (S. 81), und digitale Ausstellungen (S. 164) kennen, die dabei helfen, das abstrakte Thema zu konkretisieren. Insgesamt stellt die Arbeit eine gelungene Reise durch die dichte Welt digitaler Kulturformen dar, während der (rechtliche) Möglichkeiten für eine digitale(re) Zukunft ausgetestet werden. Ein kritischer Punkt der Arbeit ist, dass die Ausformulierung möglicher Lösungen von konkreten, im Text selbst identifizierten Problemen (wie z.B. demjenigen der Nachhaltigkeit des Internet-Erbes) nur umrissen wird, so dass ein Grossteil der Arbeit auf einer sehr komplexen und theoretischen Ebene stattfindet.
Abschliessend sei insbesondere ein grosser Mehrwert der Arbeit herauszustreichen: In der Dissertation von Dario Henri Haux werden digitale Kulturen dargelegt und dabei das wichtige Element der (Selbst)Referenzialität an verschiedenen Stellen betont. Die Arbeit von Haux wird aber auch an sich (selbst)referentiell, indem sie z.B. mit QR-Codes auf die Musikwerke, über welche der Text spricht, verweist. Darüber hinaus ist die Arbeit selbst als Open Access verfügbar, was auch eine Form der in der Arbeit besprochenen digitale Kultur darstellt. Genau wie der Song «Talkin’ all that Jazz» von Stetsasonic (1988), dessen Text in der Coda vollumfänglich reproduziert wird (S. 221 f.), veranschaulicht auch die Dissertation anhand von sich selbst, worüber sie spricht.