7-8 | 2022
Bibliographie

Patrick Krasukopf | Carolin Ehrentraut

Giulia Mara Meier, Die Exklusivlizenz

Eine wettbewerbsrechtliche WĂŒrdigung aus europĂ€ischer und schweizerischer Perspektive

EIZ Publishing, ZĂŒrich 2021, 320 Seiten, CHF 62.90, ISBN 978-3-03805-413-9

Besprochen von Patrick Krauskopf,

Prof. Dr. iur. LL.M. (Harvard), Rechtsanwalt, ZĂŒrich/New York.

Besprochen von Carolin Ehrentraut,

MLaw, Basel.

Typischerweise werden ImmaterialgĂŒterrechte in Form eines Lizenzvertrags verwertet. Besonders attraktiv wirken Exklusivlizenzen, die eine vertragliche Zusicherung des Lizenzgebers darstellen, keine weiteren Lizenzen fĂŒr dasselbe ImmaterialgĂŒterrecht zu vergeben und dieses ImmaterialgĂŒterrecht auch nicht selbst zu verwenden. Die Grenze der ZulĂ€ssigkeit dieser Exklusivlizenzen bestimmt sich aus dem Lizenzkartellrecht. Die vorliegende Dissertation nimmt eine umfassende Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen von Exklusivlizenzen im Lichte der europĂ€ischen und schweizerischen Gesetzgebung und Rechtsprechung vor.

Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile sowie eine zusammenfassende Schlussbetrachtung. Der erste Teil bildet die Grundlage fĂŒr das weitergehende VerstĂ€ndnis, indem zentrale Begriffe wie die Exklusivlizenz geklĂ€rt werden. In diesem Zusammenhang geht die Autorin auf die einzelnen Möglichkeiten der rĂ€umlichen, zeitlichen oder sachlichen BeschrĂ€nkung einer Exklusivlizenz ein. Ausserdem stellt die Autorin die Vor- und Nachteile einer solchen Exklusivlizenz einander gegenĂŒber. Eine Exklusivlizenz ermöglicht es dem Lizenzgeber zwar generell höhere Einnahmen zu generieren und die Markterschliessung, Herstellung, den Vertrieb und das Marketing zu vereinfachen, bringt aber eine nicht zu unterschĂ€tzende hohe gegenseitige AbhĂ€ngigkeit zwischen dem Lizenzgeber und -nehmer mit sich. Anschliessend an die BegriffserklĂ€rungen analysiert die Autorin die Stellung von LizenzvertrĂ€gen im Kartellrecht anhand von historisch gewachsenen Theorien. Meier pflichtet dabei der KomplementaritĂ€tsthese bei, gemĂ€ss welcher das ImmaterialgĂŒter- und das Kartellrecht beide die Förderung von Innovationen mit unterschiedlichen Funktionen zum Ziel haben. Sie fĂŒhrt aus, dass dem Lizenzvertrag dabei aber eine ambivalente Stellung zukommt: Er kann wettbewerbsfördernd wirken, indem Informationen verbreitet werden, die sonst möglicherweise durch den Inhaber des ImmaterialgĂŒterrechts nicht verwertet werden wĂŒrden. Hingegen können LizenzvertrĂ€ge ebenso Absprachen zur Marktabschottung darstellen. Meier sieht darin die Herausforderung, eine geeignete Balance zwischen Rechtssicherheit in Bezug auf kartellrechtlich relevante Abredetypen und FlexibilitĂ€t im Hinblick auf ökonomische Auswirkungen im Einzelfall zu finden. In dieser Analyse ist ihr zuzustimmen.

Im zweiten Teil der Dissertation wird der Fokus auf das Lizenzkartellrecht der EuropĂ€ischen Union gelegt. Meier schlussfolgert nach einer ersten Analyse, dass das EuropĂ€ische Kartellrecht seinen Schwerpunkt auf die Verhinderung von Gebietsschutz und die Verhinderung von Markenabschottung legt, um den Binnenmarkt zu verwirklichen. Anschliessend richtet die Autorin ihren Blick auf die Entstehungsgeschichte der Technologietransfer-Grundverordnung der EU, der TT-GVO. Weiter gibt Meier einen Überblick ĂŒber die normativen AnsĂ€tze im europĂ€ischen Lizenzkartellrecht. Dabei setzt sie sich kritisch mit den fĂŒr das europĂ€ische Lizenzkartellrecht aufgestellten Theorien auseinander, stimmt letztlich aber nur der Theorie der materiellen WettbewerbsbeschrĂ€nkung zu. Auf den folgenden Seiten wird die kartellrechtliche Ausgangslage fĂŒr Exklusivlizenzen, unter anderem anhand von drei beispielhaften FĂ€llen (Maissaatgut, Football Association Premier League und Karen Murphy und grenzĂŒberschreitender Zugang zu Pay-TV) in der EU betrachtet. Anschliessend evaluiert die Dissertation Exklusivlizenzen im Lichte der TT-GVO und deren Leitlinien. Zu Recht liegt der Schwerpunkt vom zweiten Teil dieser Arbeit auf diesem Kapitel. Als Ausblick beurteilt Meier Exklusivlizenzen im europĂ€ischen Recht ausserhalb der Gruppenfreistellung.

Im Anschluss an das EU-Lizenzkartellrecht widmet sich der dritte Teil der rechtlichen Lage in der Schweiz. Meier fĂŒhrt aus, dass im Zusammenhang mit Lizenzkartellrecht ein besonderer Blick auf Art. 3 Abs. 2 KG geworfen werden muss, der rein deklaratorischer Natur ist und eine patentrechtliche lex specialis darstellt. Sie verteidigt dabei die wohl ĂŒberwiegende Meinung, gemĂ€ss welcher ImmaterialgĂŒterrechte nicht einfach vom Kartellrecht ausgeklammert wurden, sondern immaterialgĂŒterrechtliche Sachverhalte eben doch unter kartellrechtliche Anforderungen fallen mĂŒssen. Im zweiten Kapitel des dritten Teils geht Meier auf unzulĂ€ssige Wettbewerbsabreden ein. Weil LizenzvertrĂ€ge den allgemeinen kartellrechtlichen Anforderungen unterliegen, analysiert Meier die Anwendung des Art. 5 KG eingehend. Im Rahmen von diesem Kapitel kommt sie zum Schluss, dass die offene Exklusivlizenz eine erhebliche WettbewerbsbeschrĂ€nkung im Sinne des Art. 5 Abs. 1 KG darstellt, sofern das quantitative Kriterium in hohem Masse erfĂŒllt ist. Anschliessend prĂŒft Meier in einem weiteren Kapitel den Status quo des schweizerischen Lizenzkartellrechts. |Es ist ihr zuzustimmen, dass das schweizerische Recht im Lizenzkartellrecht wenig ausgebaut ist: So gibt es bis zum heutigen Zeitpunkt keine spezialgesetzliche Grundlage im Schweizer Recht und auch die TT-GVO ist durch die Gerichtspraxis fĂŒr nicht anwendbar erklĂ€rt worden. Aufgrund dieser RegelungslĂŒcke beleuchtet Meier das Potenzial einer lizenzkartellrechtlichen Regelung. Der dritte Teil der Dissertation schliesst mit einem diskussionswĂŒrdigen Vorschlag zu einer möglichen lizenzkartellrechtlichen Regelung im Schweizer Recht ab.

Die Autorin könnte in einem separaten Aufsatz der Frage nachgehen, welche Auswirkungen das seit 1. Januar 2022 gesetzlich verankerte Konzept der relativen Marktmacht auf das Lizenzvertragsrecht hat: Die relative Machtmacht erlaubt es nĂ€mlich der WEKO nach Art. 4 Abs. 2bis KG, Marktmacht infolge von AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen anzunehmen. Exklusivlizenzen schaffen letztlich AbhĂ€ngigkeiten und die Marktmacht stellt gemĂ€ss Meier bei LizenzvertrĂ€gen einen entscheidenden Faktor fĂŒr das wettbewerbsschĂ€digende Potenzial dar.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich Meier sehr umfassend und unter Verarbeitung von Behörden- und Gerichtspraxis mit dem Lizenzkartellrecht auseinandersetzt. Die leserfreundliche Herangehensweise und der verstÀndliche Aufbau des Werks sind besonders hervorzuheben. Die Dissertation von Meier kann deshalb jedem empfohlen werden, der sich mit der Thematik von Exklusivlizenzen im Lizenzkartellrecht eingehend auseinandersetzen möchte.