Utilisation of Traditional Medicinal Knowledge in the Industry
Helbing Lichtenhahn, Basel 2018, 428 Seiten, CHFÂ 86, ISBNÂ 978-3-7190-4108-3
Im Fokus der Dissertation von Frau Leila Ghassemi Farreras stehen die internationalrechtlichen Bestrebungen, Regeln zu schaffen, die indigene Volksgruppen davor schĂŒtzen, dass ihr traditionelles medizinisches Wissen (traditional medicinal knowledge) ohne Vorteilsausgleich kommerzialisiert wird. Diese Regelungen gehen darauf zurĂŒck, dass die Völkergemeinschaft im Grundsatz anerkennt, dass LĂ€nder bzw. Volksgruppen, deren biologische Ressourcen oder deren medizinische Anwendungen kommerziell weiterentwickelt werden, am daraus resultierenden wirtschaftlichen Erfolg angemessen zu beteiligen sind (benefit sharing).
In der Einleitung hebt die Autorin mit Verweis auf Untersuchungen der WHO die grosse Bedeutung hervor, die das traditionelle medizinische Wissen in manchen Erdteilen auch heute noch hat. Danach seien 80â% der Population der meisten asiatischen und afrikanischen LĂ€nder auf traditionelles medizinisches Wissen als Hauptquelle fĂŒr medizinische Behandlungen angewiesen â aus kulturellen GrĂŒnden oder KostengrĂŒnden. Die Autorin legt ihrer Arbeit zugrunde, dass dieses tief verankerte traditionelle medizinische Wissen das Interesse von Unternehmern der modernen Welt anzieht, insbesondere mit Blick auf die Entwicklung kommerzieller Anwendungen in den Bereichen Pharma/Biotech, Alternativmedizin, NahrungsergĂ€nzung und Kosmetik.
Im ersten Teil ihrer Dissertation vertieft Frau Leila Ghassemi Farreras die terminologischen Schwierigkeiten, die dem «traditional medicinal knowledge» als Begriff des internationalen Rechts zugrunde liegen. Ihre diesbezĂŒglichen Untersuchungen der einschlĂ€gigen Konsenspapiere und Konventionen internationaler Organisationen (einschliesslich UNEP, UDHR, WTO/TRIPS, WIPO, WHO) kommen zum Schluss, dass eine grosse Rechtsunsicherheit besteht, welche konkrete und in der Rechtsfolge greifbare Bedeutung traditional medicinal knowledge völkerrechtlich zukommen soll. Die Autorin schliesst aus ihrer Untersuchung aber, dass internationalrechtlich ein Grundkonsens dahin gehend existiert, den Anspruch von traditionell-eingeborenen Lebensgemeinschaften (indigenous peoples), ĂŒber ihr traditional knowledge, einschliesslich des traditional medicinal knowledge, die Kontrolle zu behalten, anzuerkennen. Diese Kontrolle sei insbesondere auch mit Blick auf den Schutz und die Verwertung durch Patente zu gewĂ€hren. Gleichzeitig stellt die Autorin fest, dass die rechtlichen Instrumente zur Ermöglichung dieser Kontrolle internationalrechtlich unbestimmt bleiben.
Im zweiten Teil ihrer Dissertation diskutiert Leila Ghassemi Farreras rechtliche Problemstellungen, die sich ergeben, wenn Aussenstehende biologische Ressourcen oder darauf basierendes traditional medicinal knowledge ohne Zustimmung der lokalen (indigenen) Bevölkerung fĂŒr eigene kommerzielle Zwecke nutzen. In diesem Zusammenhang beleuchtet die Autorin insbesondere auch den â in der Fachwelt umstrittenen â Begriff der «biopiracy». Die Autorin weist darauf hin, dass die UNEP-Convention on Biodiversity (CBD), das darauf basierende Nagoya Protocol und die UN Declaration on the Rights of Indigenous Peoples (UNDRIP) ein Zustimmungserfordernis (prior informed consent) vorsehen, wenn einer indigenen Volksgruppe biologische Ressourcen oder traditional knowledge zu kommerziellen Zwecken entnommen wird. Sie hĂ€lt dafĂŒr, dass diese Vorgaben auch im Bereich des geistigen Eigentums ihre GĂŒltigkeit haben mĂŒssen, wenngleich die diesbezĂŒglichen internationalrechtlichen VertrĂ€ge (WTO/TRIPS) keine entsprechenden Bestimmungen enthielten. Mittels ausgewĂ€hlter Fallstudien zeigt die Autorin auf, dass Anwender von traditionellem Wissen indigener Volksgruppen nur selten deren Zustimmung einholen. Die Autorin fĂŒhrt dies vor allem auch darauf zurĂŒck, dass das VerhĂ€ltnis zwischen den umwelt- und menschenrechtsbezogenen internationalrechtlichen Grundlagen (CBD und UNDIPR) einerseits und den immaterialgĂŒterbezogenen internationalrechtlichen Grundlagen andererseits (WTO/TRIPS) ungeklĂ€rt ist. Die Autorin diskutiert anhand von Fallstudien auch die besonderen Problemstellungen, die sich aus dem Patentrecht selbst ergeben. Zu nennen ist etwa die Schwierigkeit, den patentrechtlichen Neuheitsbegriff auf traditionelles Wissen anzuwenden.
Den dritten und letzten Teil widmet die Autorin möglichen Lösungsan- | sĂ€tzen, wie dem Schutz von traditional medicinal knowledge im ImmaterialgĂŒterrecht, insbesondere im Patentrecht, Nachachtung verschafft werden könnte. Eingehend beleuchtet werden hier die andauernden Bestrebungen des World Intellectual Property Organisationâs Intergovernmental Committee on Intellectual Property and Genetic Resources, Traditional knowledge and Folklore (WIPO-IGC) zur Schaffung eines Schutzsystems sui generis fĂŒr traditional Knowledge. Die Autorin stellt alsdann die rechtlichen Konzepte vor, die ausgewĂ€hlte Staaten zum Schutz indigenen Wissens im nationalen Recht erlassen haben. Allen voran steht hier die Schweiz, wo Art. 49a PatG fĂŒr Patentanmeldungen die Angabe der Quelle genetischer Ressourcen und traditionellen Wissens vorschreibt.
Mit ihrer Arbeit vermittelt Leila Ghassemi Farreras einen umfassenden Ăberblick ĂŒber die Bestrebungen internationaler Organisationen zur Schaffung eines Schutzsystems fĂŒr traditional knowledge. Die Autorin identifiziert und diskutiert die damit zusammenhĂ€ngenden Probleme in ĂŒberzeugender Weise. Es bleibt der Eindruck, dass die Thematik als solche bei den internationalen Organisationen an Bedeutung verloren hat. Das Bekenntnis zum benefit sharing der Völkergemeinschaft anlĂ€sslich der Rio-Konferenz 1992, die als Meilenstein fĂŒr die Integration von Umwelt- und Entwicklungsbestrebungen gilt, scheint zusehends an Kraft zu verlieren.