Philipp Estermann – «Für eine Anwaltskarriere im Ausland braucht es Abenteuerlust und Leistungsbereitschaft.»
Gesellschaftsrecht

Philipp Estermann ist Mitglied des Corporate & M&A Teams der Kanzlei MLL Legal in London. Er berät schweizerische und internationale Klienten in allen Arten von Transaktionen und gesellschaftsrechtlichen Angelegenheiten sowie im Handels- und Wettbewerbsrecht. Philipp Estermann studierte und promovierte an der Universität St. Gallen und an der UC Berkeley School of Law (LL.M.). Vor seinem Eintritt bei MLL Legal war er mehrere Jahre für Schweizer Wirtschaftskanzleien tätig und vertrat Klienten vor Gericht in gesellschafts-, handels- und wettbewerbsrechtlichen Fragen. Er arbeitete mehrere Jahre als Corporate Counsel für ein globales Softwareunternehmen im Silicon Valley und in London und war als Gerichtsschreiber am Bezirksgericht Horgen tätig.
Wo erwische ich dich gerade und in welchem Modus bist du heute: Deal, Strategie oder Feuerlöschen?
Nach einem kurzen Besuch in der Schweiz bin ich gerade auf Weg zurück nach London. Mein Modus ist momentan eine Mischung aus Deal und Feuerlöschen, ergänzt durch Klientenakquise.
Wie schafft man als Schweizer Anwalt den Sprung ins Ausland und was hast du dabei unterschätzt?
Eine Blaupause gibt es nicht. Es braucht auf jeden Fall auch Glück. Wichtig scheint mir zudem, dass man eine gehörige Portion Abenteuerlust und eine hohe Leistungsbereitschaft mit sich bringt. Nach meiner Erfahrung wartet im Ausland niemand auf eine(n) Schweizer Rechtsanwältin/Rechtsanwalt. Leider. Menschen sind zurückhaltend, wenn es um Unbekanntes geht. So war es auch bei mir entscheidend, dass ich einen Abschluss einer amerikanischen First-Tier-Universität vorweisen konnte, um im Silicon Valley Fuss zu fassen. Das wurde mir auch klar so gesagt.
Du warst in Schweizer Wirtschaftskanzleien, im Silicon Valley und in London bei einem globalen Tech-Unternehmen und am Bezirksgericht Horgen: Was davon hat dich am stärksten geprägt?
Auf mein heutiges Leben hatte wohl die Inhouse-Position beim globalen Tech-Unternehmen den grössten Einfluss. Das Umfeld und die Herausforderungen waren komplett anders. Als Europäer – und umso mehr als Schweizer – war ich eine Ausnahmeerscheinung und konnte mit Menschen aus der ganzen Welt tagtäglich zusammenarbeiten. Das war besonders inspirierend, aber zuweilen auch anstrengend(er). Es hat mich letztlich aber auch darin bestätigt, dass eine Karriere im Ausland möglich ist.
Du kennst die Schweiz, London und das Silicon Valley: Wo wird «besser» gearbeitet, oder ist das die falsche Frage?
Die Frage ist nicht «falsch», aber sicherlich nicht einfach. All diese Orte haben Ihre Besonderheiten und Vorzüge. Überall wird ziemlich viel gearbeitet. Gefühlt war die Stimmung bei der Arbeit im Silicon Valley am besten und die Arbeit selbst am lösungsorientiertesten.
Im Silicon Valley gilt oft «move fast and break things». Kollidiert das mit der Schweizer Gründlichkeit?
Definitiv. Ich glaube, ich hatte in meinem vorherigen Berufsleben noch nie so oft «let’s cross the bridge when we get there» gehört. Anwälte sind m.E. tendenziell risikoscheu und sehen oftmals (primär) die möglichen Probleme; Unternehmer aus dem Silicon Valley nicht. Eine spannende Kombination.
Gab es einen Moment, in dem kulturelle Unterschiede einen Deal fast gekippt haben?
Mehrfach. Meistens konnten wir dies aber durch offene Kommunikation der involvierten Stakeholder lösen. Schlussendlich haben bei einem Deal die Parteien ja ein gemeinsames Ziel. Das hilft letztlich stark und ist der grosse Unterschied zur Dispute Resolution, in der ich jahrelang tätig war.
Wird die Regulierung im Bereich Gesellschaft- und Wettbewerbsrecht wirklich smarter oder einfach nur mehr?
Sagen wir mal, die Regulierung wird zunehmend komplexer – genau wie die Probleme, die es zu lösen gilt. Die Kreativität der Wirtschaftsakteure kennt keine Grenzen. Die Geschwindigkeit, die an den Tag gelegt wird, ist bemerkenswert. Damit tut sich das reaktive Recht m.E. immer schwerer.
Du hast Tech von innen gesehen: Wird KI den Anwaltsberuf fundamental verändern oder überschätzen wir das gerade?
Ich denke vielmehr, wir unterschätzen das. Berufe, die auf Informationsverarbeitung basieren, werden eine grosse Veränderung erleben. Der Anwaltsberuf wird wohl zu denen gehören, die dies besonders stark zu spüren bekommen, und zwar viel schneller, als uns bewusst oder lieb ist. Auf mich wirkt es gerade wie ein kollektives Nicht-Wahrhaben-Wollen. Es ist für mich klar, dass KI viele Anwälte ersetzen wird. Wir versuchen uns dadurch zu beruhigen, dass es mehr «interessante» Arbeit geben wird. Da bin ich sehr skeptisch. Faktisch kann ein grosser Teil der Arbeit in Zukunft von ein paar wenigen erfahrenen Anwälten erledigt bzw. verifiziert werden. KI wird den grössten Teil der (Vor-)Arbeit erledigen und faktisch Junior Associates und Associates – aber mittelfristig auch Senior Associates – substituieren. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, wie man in der Zukunft überhaupt noch zu einem erfahrenen Anwalt heranreifen soll. Das Billable-Hours-Model scheint mir für den Einsatz von KI in der Rechtsberatung nicht geeignet. Damit verbunden sind auch spannende Fragen zur Mitarbeiterbewertung oder zu Anreizmodellen.
Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben?
Brich mit dem traditionellen «Karrierepfad», welcher den Jus-Studierenden vorgepredigt wird, und sammle so bald wie möglich Erfahrungen im Ausland!
Wenn du nicht Anwalt geworden wärst: In welcher Rolle wärst du heute gelandet?
Manager in einem internationalen Unternehmen. Ich liebe es, mit Menschen aus aller Welt zusammenzuarbeiten und ein gemeinsames Ziel zu erreichen.
Adrian Schmidlin | legalis brief GesR 27.04.2026