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VORGESTELLT

Alisa Müller – «Ich würde mir wünschen, dass gesellschaftlich etwas differenzierter über Strafrecht und den Justizvollzug gesprochen wird.»

Straf- & Strafprozessrecht, Strafvollzug

Während ihres Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Luzern war Alisa Müller zunächst als wissenschaftliche Hilfsassistentin an der Universität Luzern sowie als Aushilfe am Kantonsgericht Luzern tätig. Nach dem Masterabschluss arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin an einem Lehrstuhl der Universität Luzern und absolvierte verschiedene Praktika bei der KESB, der Staatsanwaltschaft und in einer Anwaltskanzlei. Anschliessend war sie bei der KESB tätig, bevor sie zum Vollzugs- und Bewährungsdienst Luzern wechselte. Dort ist sie zuständig für Personen im Straf- und Massnahmenvollzug und setzt sich mit vielfältigen rechtlichen und sozialen Fragestellungen auseinander.

Wann sind Sie das erste Mal mit dem Strafrecht in Kontakt gekommen?

Das erste Mal bin ich tatsächlich schon als Kind mit dem Strafrecht in Kontakt gekommen. Bei uns zu Hause wurde eingebrochen, da war ich in der zweiten Klasse. Der Täter wurde allerdings erst Jahre später gefasst. Als das Gerichtsverfahren schliesslich stattfand, betrachtete ich vieles plötzlich mit anderen Augen.

Natürlich kam das Strafrecht auch im Rahmen des Jusstudiums immer wieder vor – dort aber vor allem sehr theoretisch. Wirklich konkret wurde der Kontakt mit dem Strafrecht für mich erst im letzten Jahr meines Studiums, als ich am Kantonsgericht ausgeholfen habe, und anschliessend während meiner Praktika bei der KESB, bei der Staatsanwaltschaft und in einer Anwaltskanzlei. Dabei wurde mir bewusst, dass ich lange das Gefühl hatte, wir würden in der Schweiz in einer weitgehend heilen Welt leben.

Was sind Ihre alltäglichen Herausforderungen?

Aktuell sicher die angespannte Haft- und Klinikplatzsituation. Gerade bei psychisch schwer erkrankten Personen ist es belastend zu sehen, wenn eigentlich eine therapeutische Unterbringung nötig und auch entsprechend angeordnet wäre, Plätze aber fehlen. Das ist nicht nur für die Betroffenen schwierig, sondern auch für den Vollzug insgesamt – und bringt die Mitarbeitenden der jeweiligen Vollzugseinrichtungen teilweise an ihre Grenzen. Oft wird unterschätzt, wie viele verschiedene Berufsgruppen täglich daran arbeiten, dass der Justizvollzug überhaupt funktionieren kann – von Mitarbeitenden in den Justizvollzugsanstalten über therapeutische Fachpersonen bis hin zu vollzugsverantwortlichen Fachpersonen. Gerade im Umgang mit anspruchsvollen oder psychisch belasteten inhaftierten Personen braucht es enorm viel Professionalität, Geduld und Engagement.

Eine weitere Herausforderung ist die grosse Verantwortung, die mit unseren Entscheiden verbunden ist. Wenn jemand beispielsweise Vollzugslockerungen erhält, müssen diese Entscheide fachlich fundiert, sicherheitsrelevant verantwortbar und nachvollziehbar sein. Sie müssen nicht nur rechtlich korrekt sein, sondern auch gegenüber Politik, Medien und Gesellschaft Bestand haben. Deshalb braucht es sorgfältige Risikoabwägungen und eine fundierte Einzelfallprüfung.

Eine der grössten Herausforderungen ist letztlich der andauernde Spagat zwischen Resozialisierung und Sicherheit. Einerseits arbeitet der Justizvollzug mit Menschen in schwierigen Situationen und soll Perspektiven schaffen, andererseits gibt es klare Regeln und einen Sicherheitsauftrag. Jeder Fall muss individuell geprüft werden. Gleichzeitig gilt es, professionell zu bleiben und trotzdem den Menschen hinter dem Delikt zu sehen. Der Vollzug bewegt sich dabei ständig in Spannungsfeldern – etwa zwischen Vertrauen und Kontrolle oder zwischen individuellen Bedürfnissen und dem Schutz der Öffentlichkeit. Auch die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit kann herausfordernd sein, da viele Themen im Strafrecht sehr emotional diskutiert werden.

Mit welcher Person aus dem Bereich des Strafrechts würden Sie gerne für einen Tag die Rollen tauschen?

Ich würde weniger mit einer bestimmten Person tauschen wollen, sondern eher mit jemandem aus einem anderen Bereich des Justizvollzugs – beispielsweise aus der Bewährungshilfe oder einer Justizvollzugsanstalt. Obwohl eng zusammengearbeitet wird, erlebt jede Berufsgruppe den Justizvollzug aus der eigenen Perspektive – und oft auch mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, was Vollzug, Sicherheit oder Resozialisierung im Alltag konkret bedeuten. Ein Perspektivenwechsel könnte dazu beitragen, die Zusammenarbeit und das gegenseitige Verständnis zwischen den verschiedenen Bereichen des Justizvollzugs weiter zu fördern.    

Haben Ihre Erfahrungen mit dem Strafrecht Ihre Sicht auf Menschen verändert?

Ja, definitiv. Ich sehe heute viel stärker, dass Menschen selten nur «gut» oder «schlecht» sind. Hinter Straftaten stehen oft sehr komplexe Lebensgeschichten, schwierige Biografien oder Situationen. Das rechtfertigt selbstverständlich keine Straftaten, erklärt aber gewisse Entwicklungen – und mir persönlich hilft es, Situationen besser einzuordnen und mit belastenden Fällen umzugehen. Ich habe aber auch gelernt, wie wichtig Verantwortung, klare Grenzen und der Umgang mit Nähe und Distanz sind.

Machen Strafen Menschen zu besseren Leuten?

Ich glaube, eine Strafe allein macht noch niemanden nachhaltig zu einem besseren Menschen. Strafen setzen klare Grenzen und zeigen, dass ein Verhalten Konsequenzen hat – das ist wichtig. Nachhaltige Veränderung entsteht jedoch erst dann, wenn über die eigentliche Strafe hinaus Verantwortung übernommen und deliktorientiert gearbeitet wird. Zentral ist dabei die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Mustern, die zur Straffälligkeit geführt haben, damit künftig keine weiteren Delikte begangen werden. Dafür braucht es Perspektiven und Unterstützung. Letztlich liegt eine Veränderung aber in der Hand der betroffenen Person selbst – ohne intrinsische Eigenmotivation funktioniert das nicht. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass Veränderungsprozesse selten geradlinig verlaufen. Gerade im Justizvollzug sind Fortschritte oft klein und Rückschläge Teil des Prozesses. Ich finde aber, dass gerade diese kleinen Entwicklungen manchmal sehr bedeutend sein können – vor allem, wenn Veränderungen langfristig aufgebaut werden müssen.

Weiter spielt aber auch der sogenannte soziale Empfangsraum eine wichtige Rolle. Wenn jemand nach dem Vollzug keine Wohnung findet, keine Arbeit erhält und gesellschaftlich kaum eine Chance bekommt, stösst die Resozialisierung an ihre Grenzen. Dabei leisten die Bewährungshilfe und andere unterstützende Stellen einen wichtigen Beitrag, weil sie Menschen bei der Reintegration begleiten und Stabilität schaffen können. Der Justizvollzug kann Rahmenbedingungen schaffen – verändern muss sich die Person am Ende selbst, aber auch die Gesellschaft muss bereit sein, Reintegration tatsächlich zuzulassen. Die Wiedereingliederung von straffälligen Personen ist dabei eine der anspruchsvollsten Aufgaben unserer Gesellschaft – und gleichzeitig eine der am meisten unterschätzten Erfolgsgeschichten des Justizvollzugs. Viele erfolgreiche Reintegrationen bleiben für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar, gerade weil sie gelingen: Menschen finden wieder Arbeit, bauen stabile soziale Beziehungen auf und führen ein straffreies Leben. Solche Entwicklungen leisten einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Sicherheit unserer Gesellschaft. Sie zeigen, dass Resozialisierung kein Widerspruch zu Sicherheit ist, sondern ein zentraler Bestandteil davon.

Wenn Sie etwas ändern könnten – was wäre das?

Ich würde mir wünschen, dass gesellschaftlich etwas differenzierter über Strafrecht und den Justizvollzug gesprochen wird. Viele Menschen wissen nicht, wie Justizvollzug tatsächlich funktioniert, was der Straf- und Massnahmenvollzug bedeutet oder weshalb gewisse Entscheide getroffen werden. Oft gibt es schnelle Urteile oder sehr einfache Forderungen für komplexe Probleme. Resozialisierung bedeutet nicht, Straftaten zu verharmlosen. Gerade langfristige Sicherheit setzt voraus, dass Menschen nach dem Vollzug möglichst stabil wieder in die Gesellschaft integriert werden können. In der Praxis zeigt sich, dass Resozialisierung, Opferschutz, Sicherheit und Menschlichkeit gleichzeitig mitgedacht werden müssen. Und ich würde mir wünschen, dass Prävention und frühe Unterstützung noch mehr Gewicht bekommen – beispielsweise bei psychischen Erkrankungen, Suchtproblemen, familiären Belastungssituationen oder Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen. Gerade deshalb wäre es wichtig, gesellschaftliche Probleme früher wahrzunehmen und Unterstützung dort anzusetzen, wo Entwicklungen noch positiv beeinflusst werden können.  

Linda Fischer | legalis brief StrR 16.06.2026