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VORGESTELLT

Nico Baumgartner – «Neben Gewalt- und Sexualdelikten sollte nur noch strafbar sein, was wirklich nicht ohne staatliches Eingreifen zu bewältigen ist.»

Straf- & Strafprozessrecht

Nico Baumgartner, lic. iur., ist Advokat und Strafverteidiger und verfügt über einen CAS Strafprozessrecht (IRP-HSG).

Wann sind Sie das erste Mal mit dem Strafrecht in Kontakt gekommen?

Wissenschaftlich zu Beginn meines Studiums. Vorher, als Teenager, durch diverse Hollywood-Filme. Ich wünsche mir heute noch, das Schweizer Strafverfahren böte mehr Überraschungen, mehr Action, raffiniertere Rhetorik und schönere, holzig-vertäfelte Gerichtssäle wie in den US-amerikanischen Krimi-Produktionen.

Was sind Ihre alltäglichen Herausforderungen?

Die Kommunikation mit meinen Mandantinnen und Mandanten stets so zu gestalten, dass diesen zur rechten Zeit, verständlich und im nötigen Umfang das an Informationen und Einschätzungen vermittelt wird, was für sie entscheidend ist und bei ihnen Mehrwert generiert. Den beschuldigten Personen möglichst realitätsnah die Risiken, Folgen und Eigenheiten des Strafverfahrens nahe zu bringen – und damit zu leben, dass Strafuntersuchungen fast immer extrem lange (viel zu lange!) dauern. Besonders herausfordernd ist zudem das kurzfristige Coaching der Klientschaft, wie sie sich bei Ersteinvernahmen zu verhalten hat.

Mit welcher Person aus dem Bereich des Strafrechts (aktuell oder historisch) würden Sie gerne für einen Tag die Rollen tauschen?

Ich wäre gerne einmal bei einem Mandantengespräch des Verteidiger-«Dream Teams» im OJ Simpson-Prozess in den USA der 1990er-Jahre dabei gewesen…

Haben Ihre Erfahrungen mit dem Strafrecht Sie bzw. die Sicht auf Menschen verändert?

Nein. Sie haben aber meine Sicht auf unser Rechtssystem verändert – und ganz besonders meine Sicht auf den Schweizer Strafprozess. Ich sehe immer mehr grundsätzliche Unzulänglichkeiten und viele Schwächen bei unserer Strafjustiz.

Machen Strafen Menschen zu besseren Leuten?

Nein. Das sollen sie nicht und das können sie nicht. Mir graut vor jedem System und vor jedem Gesetz, das den Menschen «bessern» oder «verändern» will. Zudem sind unsere Strafen im weltweiten Vergleich derart mild und unser Strafvollzug vergleichsweise so «komfortabel», dass ein bessernder Eindruck kaum je eintreten dürfte.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, was würden Sie ändern (Strafnormen, Strafsystem, Prozess etc.)

Die Überlastung unserer Strafjustiz hat ernsthafte Folgen und sie hat ein skandalöses Ausmass angenommen. Es braucht schnell tiefgreifende Massnahmen, die Abhilfe schaffen. Eine radikale (aber aus meiner Sicht nachhaltige und gute) Möglichkeit wäre, den Deliktskatalog im StGB und im Nebenstrafrecht massiv zu reduzieren: Neben Gewalt- und Sexualdelikten soll nur noch strafbar sein, was wirklich nicht ohne staatliches Eingreifen zu bewältigen ist. (Ich sehe insbesondere kaum Notwendigkeit für grosse Teile des Betäubungsmittelstrafrechts.) Das Strafrecht sollte mehr ein «Durchsetzungsrecht» werden, kein Selbstzweck bleiben und unrealistischen Präventionsgedanken abschwören. Diese liberale Lösung würde auch grundsätzlich unser Strafsystem verbessern und glaubwürdiger machen.

Sandra Schultz | legalis brief StrR 18.05.2026