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VORGESTELLT

Anna Schuler-Scheurer – «Das Familienrecht ist das Rechtsgebiet, in dem Recht, Emotionen, Taktik, Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und Lebensrealität unmittelbar aufeinandertreffen.»

Familienrecht

Anna Schuler-Scheurer ist seit dem Jahr 2007 als Rechtsanwältin im Raum Zürich tätig, seit dem Jahr 2025 als Inhaberin und Partnerin bei ihrer aktuellen Kanzlei Kägi Schuler Partner. Seit dem Jahr 2021 arbeitet Sie als Mediatorin. Darüber hinaus ist sie zertifizierte Kindsvertreterin (2022) und besitzt die Zertifizierung als collaborative lawyer (2024). Im Jahr 2025 absolvierte Sie die Ausbildung zur Fachanwältin SAV Familienrecht. 

Welche Verbindung haben Sie zum Familienrecht?

Das Familienrecht hat zu Beginn meiner Laufbahn zuerst mich gefunden (ich wollte ursprünglich Staatsanwältin werden), aber dann haben wir uns nicht mehr losgelassen. Ich habe das Familienrecht immer am lebendigsten erlebt. Es ist das Rechtsgebiet, in dem Recht, Emotionen, Taktik, Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und Lebensrealität unmittelbar aufeinandertreffen. Dies alles hat mich dann in allen Facetten so sehr interessiert, dass ich mich schnell vollständig dem Familienrecht verschrieben habe und mich als Mediatorin, clp Anwältin, Kindsvertreterin und Fachanwältin SAV Familienrecht in allen «Winkeln» des Familienrechts bewege.

Was sind Ihre alltäglichen Herausforderungen?

Die Balance zwischen dem Bedürfnis der Klientschaft nach Rechtssicherheit, juristischer Klarheit und menschlichem Feingefühl. Und zwischen Fristendruck, Weiterbildung und Eingaben genug Geduld zu finden, um alle Klientinnen und Klienten in Ruhe durch deren stürmische Zeit begleiten zu können.

Gibt es Anekdoten aus Ihrer Tätigkeit (im Bereich Familienrecht)?

Viele – nicht alle sind druckreif.

Wenn sich auch vieles in familienrechtlichen Mandaten wiederholt, so gibt es doch auch immer wieder noch nie dagewesenes: z.B. als das Gericht und alle Parteien die Öffnung eines Schliessfaches in der Bank vornahmen, das seit mehreren Jahren gesperrt war und niemand mehr wusste, was genau darin enthalten war. Es befand sich u.a. eine Sporttasche darin. Diese wurde von der Richterin sorgsam Stück für Stück geleert, wobei zunächst eine Schusswaffe zum Vorschein kam (ungeladen, wie sich herausstellte) und dann – die Richterin nahm hier einen Kugelschreiber der Bank zu Hilfe – Spitzenunterwäsche. Eine «explosive» Kombination.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, etwas am Familienrecht ändern zu können, was wäre das?

Ich würde gerne dafürsprechen, früher und öfter aussergerichtliche Streitbeilegungsmethoden verbindlich einzubeziehen und breiter bekannt zu machen. Mediation und clp (Collaborative Law and Practice) erlebe ich in der Praxis als nachhaltig zielführende Instrumente, um Lösungen zu erzielen, in denen sich die Beteiligten wiederfinden und die sie so langfristig akzeptieren können. Ein interdisziplinärer Einbezug von neutralen Fachpersonen, wie dies z.B. im clp möglich und häufig ist, wäre wünschenswert.

Revisionsbedarf besteht auch in anderen Punkten. So halte ich z.B. den Obhutsbegriff für überholt und man kann sicherlich dafür plädieren, u.a. die Phasenberechnungen im Unterhalt mit Pauschalisierungen zu vereinfachen.

Welches wäre Ihr wichtigster Tipp in familienrechtlichen Verfahren?

Durchatmen.

Manchmal braucht es Zeit. Manchmal braucht es intensives Zuhören. Manchmal braucht es genaues Hinsehen. Auch wenn sich viele Fälle gleichen, auch wenn sich viele Emotionen wiederholen, so erleben sie die Beteiligten neu und intensiv. Und dann ist Durchatmen gefragt und das Interesse von Anwältinnen und Richtern, den «Gewinn» in einer guten Lösung für das gesamte System zu sehen, vor allem wenn Kinder beteiligt sind.

Wie hat sich das Familienrecht in den vergangenen Jahren Ihrer Meinung nach verändert?

Das Familienrecht folgt hier den gesellschaftlichen Veränderungen selbst. Individuelle Lebensmodelle gewinnen Anerkennung. Unsere Lebenswirklichkeit ist komplexer, aber auch offener und flexibler geworden. Gerade in Patchwork- oder Fortsetzungsfamilien sind vielschichtige Systeme gegeben. Das Familienrecht versucht hier zwischen Systematik und Einzelfallgerechtigkeit zu navigieren.

Welches sind Ihrer Meinung nach die grössten Stärken und Schwächen im Schweizer Familienrecht?

Stärke: die hohe Einzelfallgerechtigkeit und richterliche Flexibilität. Das Familienrecht bietet viele Möglichkeiten auf eine spezielle Konstellation auch tatsächlich eingehen und reagieren zu können.

Schwäche: genau diese Flexibilität bzw. das Ermessen kann zu schwer vorhersehbaren Ergebnissen führen.

Welches ist Ihrer Meinung nach die grösste Herausforderung im Schweizer Familienrecht in den kommenden 10 Jahren?

Der Umgang mit komplexen Familienformen, internationalem Bezug und digitaler Lebensrealität.

Simon Furler | legalis brief FamR 06.01.2026